Von der Sehnsucht nach Symmetrie
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Der geneigte Besucher der diesjährigen Gamescom in Köln kommt nicht umhin, aufgrund des vermutlich einigermaßen hohen Marketingbudgets des Publishers Activision auf das Logo des kommenden Firstpersonshooters Call of Duty: Black Ops 3 zu stoßen. Man sieht es nicht nur auf denjenigen Werbeflächen, die einem zuerst in den Sinn kommen, wenn man an jene (also Werbeflächen) denkt, sondern vor allem existieren diese als mobile Varianten: Give-Aways-T-Shirts und Schirmmützen, welche von eifrigen Fans durch die Hallen und später die Straßen der Stadt getragen werden.

Das Logo besticht durch seine Einfachheit: Es handelt sich um die in leuchtendem Orange gehaltene römische Ziffer III auf tiefschwarzem Hintergrund. Das beweist zweierlei: Erstens wissen hier die Logo-Designer, was sie tun und zweitens weiß Activision genau, wie bekannt das Call of Duty-Franchise tatsächlich bereits ist – mehr als einer römischen Ziffer bedarf es offensichtlich nicht. Message sent.

GTA V Logo

Die Marke mit den drei Streifen ist zwar eine andere, doch lässt der Umstand des Black-Ops-Logos mich über die (Marken-)macht von Symmetrie nachdenken. Ursprünglich hatte ich diese Gedanken bereits, als man – nicht nur als SpielerIn – dem allgegenwärtigen Logo der vierten GTA-Iteration, GTA V, nicht entkommen konnte. Auch die römische Ziffer V übte auf die Designer eine magische Anziehungskraft aus.

Street Fighter V

Momentan taucht eben jene kecke V erneut auf – diesmal ist es die Street Fighter-Reihe, die zum symmetrischen-Logo-Angriff bläst. Unter summetria versteht der hellenistisch geprägte Aufschneider Eben- oder Gleichmaß. Wer nun denkt, klar, das kennt man aus der guten 7B unter Herrn Hansen, da er dies in Geometrie stets und gerne als Stoff durchprügelte wie der Hinterhof“koch“ den Hund, um das Fleisch süßer zu machen, bevor es auf den Teller kommt, irrt. Wie immer ist die Mathematik zu nichts zu gebrauchen. Die Natur liefert den besten Stoff.

Schmetterling

So einiges, was symmetrisch wirkt, empfinden wir als besonders ansprechend, da es äußerst gleich- beziehungsweise regelmäßig aussieht. Man denke da nur an den feinen Schmetterling, aber auch die Bau- und Anlegesucht zahlreicher Schlösser oder Gärten. Das vermeintlich symmetische Gesicht hingegen ist ein Mythos, das wissen wir aus zahlreichen Pro7-Investigativ-Beiträgen. Im Gegenteil: Überwiegt die Symmetrie, beginnt der Geist des blickenden Gegenüber nach Fehlern (in der Matrix) zu suchen. Hier verkehrt sich vermeintliche Schönheit ins Unheimliche. Pretty uncanny, this valley.

NS Symmetrie

Teutsch-Skeptiker hingegen zeigen sich kulturkritisch ob des rasenden Verlangens nach Symmetrie: Man müsse verneinen, dass im Menschen dies schlummere und sich nicht dem Moment hingeben, der ordnen möchte. Denn Symmetrie schaffe eines: Ordnung. [Achtung, ich wechsle nun in den Indikativ. Das könnte eine Aussage sein. #hihi] Es duldet das Zufällige der Anordnung nicht! Paula Diehl schreibt in ihrer Untersuchung Macht – Mythos – Utopie: Die Körperbilder der SS-Männer über die Zusammenhänge von Ideal, Proportion und Symmetrie bei Riefenstahl beziehungsweise ihrer Inszenierung von Körperbildern. Die „Verführerin des Bösen“ wusste um die Bannkraft des Ebenmaßes und setzte sie entsprechend in Gänsehaut-Szene: Nur allzu stolz schreiten wenig später die soldatischen Blöcke.

Rudolf Inderst

Symmetrie bügelt glatt, beseitigt Unebenheiten und Unterschiede, sie schaltet gleich, hobelt die Ränder ab und sorgt dafür, dass das „Störende“ keinen Platz mehr hat (im Auge des Betrachters). Je länger dieses Bilderregime wirkt und waltet, beruhigt es unseren Sehsinn. Es schläfert uns durch seine Größe ein und versetzt uns in einen Status staunender Schlafwandler, die das Hübsche hofieren und das Hässliche hassen. Das Hässliche, es ist jetzt das Andere, das Unbekannte, das Fremde und Unbequeme. Wir wollen das nicht. Wir wollen nicht gestört werden. Entfernt es. Für immer.

Gibt es das T-Shirt auch eine Nummer größer.

(Foto Schmetterling: Daniel Hall – Quelle)
(Foto Eröffnung Olympische Spiele Berlin: World Wide – Quelle)

Über Rudolf Inderst

Geboren 1978 in München, studierte Poltikwissenschaften in München und Kopenhagen. 2009 schloss er seine Promotion zur „Vergemeinschaftung in MMORPGs“ in Amerikanischer Kulturgeschichte ab. Als freier Autor schreibt er für unterschiedliche Portale und Publikationen zu den Themen digitales Spiel und Film. Auch als Herausgeber diverser Game-Studies-Sammelbände ist er immer wieder umtriebig, spielt immer wieder Basketball und praktiziert freudvoll Krav Maga. Liebt Stanislaw Lem, Comics und satte B-Medien. Wird nervös, wenn er seinen Status in sozialen Netzwerken nicht zu jeder 30. Minute ändert. Trägt gerne Bart.

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