SPIELERFRAU – Mein Freund, seine Konsole und Ich (Teil 1)

SPIELERFRAU – Mein Freund, seine Konsole und Ich (Teil 1)

von am 02.07.2017 - 13:10

Krautgaming präsentiert euch eine Kolumne der etwas anderen Sorte. Ja, liebe Leute ! Stefanie Braun hat ihren Freund als Testsubjekt verwendet und unter Beobachtung gestellt und wird in unserer brandneuen Reihe über ihre Erkenntnisse berichten… Viel Spaß !   😀

Spielerfrau

von Stefanie Braun

Warum Spielerfrau nicht gleich Spielerfrau ist

Wer kennt sie nicht? Müde Körperhaltung, gelangweilter Gesichtsausdruck, und sobald die Aufmerksamkeit auf sie gerichtet ist, sieht man wie sie gedankenlos rumsitzen und mit ihrem Handy spielen. Wenigstens sind die meisten von ihnen modisch top in Ordnung, haben lange glatte Mähnen und die Schminkflinte morgens auf den Look der Wahl gestellt: Spielerfrau.

An die Seite eines jeden Fußballers, der was auf sich hält, gehört eine ordentliche Spielerfrau: schlank, gefärbte Haare (ob von brünette auf hyperblond oder von straßenköterblond auf schwarz hängt von der Ausgangshaarfarbe ab), und irgendwie immer dabei, wenn‘s aufs Spielfeld geht.

Die Männer rennen dort um Leben und Ehre ihres Vereins und ihres Sports als solchen, die Mädels sitzen trophäengleich auf den Rängen, fiebern und fürchten um ihre Helden in gestreiften Kniestrümpfen, winken ab und an tröstlich mit dem Taschentuch. Die Jungs spielen, die Mädchen schauen und staunen. Zumindest in der Vorstellung vieler Spieler, die Realität sieht oft anders aus. Während Mann unten alles gibt, kann Frau sich in den Zuschauerrängen nicht so recht identifizieren mit dem, was da im Spiel so vor sich geht. Also wandert der Griff in die Handtasche, zum Handy und somit zu den vielen verschiedenen Social Media-Kanälen, die man so unterhält. Frau hängt also auf Facebook und Co. rum, während Mann seinem ach so wichtigen Tun nachgeht.

Dieses Prinzip beschränkt sich nicht mehr nur auf Sportarten wie Fußball und dergleichen. Längst hat das spielen-und-ablenken-Phänomen auf Otto-Normal-Verbraucher-Haushalte übergegriffen. Die Jungs spielen, die Mädchen sitzen daneben und schauen zu. Oder hängen eben mit dem Handy auf Facebook und Co. rum. Playstation, X-Box und Computer sind die Spielfelder, Sofas und Couches die Tribünen. Messy Buns bändigen die ungestylte Mähne, Anti-Pickel-Patches ersetzen die Make-up-Maske, Kuschelsocken und Jogginghose die High Heels und Sportklamotten. Der Rest ist in den meisten Fällen irgendwie gleich: Er versinkt in der „Wichtigkeit“ seines Tuns, sie in den Untiefen ihres Smartphones.

Muss das denn sein, fragt sich Frau da oft? Jawohl, das muss irgendwie sein. Zeit zum Spielen ist wichtig, Zeit zum Träumen, Zeit, um ein Held zu sein. Wenn auch nur auf der Konsole. Der Held trägt keine Rüstung, sondern Gammel-Look, schwingt kein Schwert, sondern den Controller und stärkt sich nicht bei selbsterlegtem Wildschwein am Lagerfeuer, sondern aus der schnell aufgerissenen Chipstüte im wärmenden Schein des Bildschirms. Das Feeling ist aber irgendwie dasselbe. Der äußere Anblick geht natürlich weit weg vom heroischen Lebensgefühl. Anders als Schönheit liegt Heldentum halt nicht im Auge des Betrachters.

Dass es schwer fällt, den Helden in Jogginghose und Chipskrümeln im Mundwinkel ernstzunehmen, wie er fluchend den Controller schwingt, ist nicht verwunderlich. Auch nicht, wenn der Controller aus lauter Frust über diesen schier unschaffbaren “Bosskampf” in die Sofaecke gepfeffert wird. Und erst recht nicht, wenn er auf andere Spielkameraden trifft, mit denen die neuesten Tricks und Kniffe ausgetauscht werden müssen.

Da taucht frau schon mal in ihr Social (Media) Life ab, bringt sich auf den neuesten Stand der Dinge, was ihr näheres und ferneres Umfeld in den letzten zwei Wochen so getrieben hat und belebt notfalls alte Schulkontakte wieder. Und wenn auch da nichts mehr geht, versucht man eben das komplette Internet zu lesen. Aber mal ehrlich: es wird niemals soviele Internetseiten, Schulbekanntschaften und neue Facebookposts geben, wie es unerfüllte Nebenquests, freigespielte Karten und Erweiterungspacks gibt. Warum also nicht mal schauen, was abgeht in dieser kunterbunten 2D-Welt, dieses Wunderland hinter dem HD-Bildschirm? Was passiert in diesen Märchen und Heldengeschichten für Erwachsene (oder zumindest ausgewachsene Kinder)? Und ehe man sich versieht, ist man schon drin: in den Geschichten, den schönen (oder auch schaurigen, spannenden, abenteuerlichen) Welten, leidet und fiebert mit den Charakteren, fühlt Abschiedsschmerz am Ende eines Dreiteilers oder verschluckt sich vor Schreck am Chipskrümel, wenn der Boss zum Kampf um die Ecke kommt.

Denn anders als so manche Sportart haben sich Spiele in den letzten Jahren stark entwickelt: Aus Pixelmatsch sind detailgetreue Landschaften geworden, aus ewig gleich aussehenden Kampfsequenzen beeindruckende martial-Arts-mäßige Kampfchoreographien und aus platten Klemptner-Charakteren vielschichtige Schurken und liebenswerte Helden, hinter denen sich so manche Serienfigur verstecken könnte. In Spielen werden Geschichten in Echtzeit erzählt, Abenteuer miterlebbar und -bestimmbar gemacht. Da ist längst mehr drin, als über Pilze hüpfen und Monstern eins überziehen. Das nächste Mal, wenn er dann meint “Guck doch mal Schatz, wir sind jetzt beim Boss angekommen”, könnte ein Blick hoch vom Smartphone durchaus lohnen. Wer weiß, welche tolle Geschichte einem sonst durch die Lappen geht. Und falls der große Held mal wieder endlos durch Wald- und Graslandschaften läuft, kann man sich ja immer noch ins Smartphone retten.

Und vielleicht diese Kolumne lesen, in der eine Spielerfrau von den möglichen und unmöglichen Alltagssituationen mit einem Gamer berichtet. Von Teamspeaks und Spielsnacks, von Bosskämpfen und Cheatbooks.

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