26 Games: Zur Unendlichkeit und nicht weiter

26 Games: Zur Unendlichkeit und nicht weiter

von am 13.01.2014 - 08:54
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Es ist dunkel und still. Niemand ist mehr wach, das Haus schläft – nur in einer Ecke des Raumes leuchten zwei kleine Bildschirme. In ihrem fahlen Licht zeigen sie Sternenkreuzer, Jägerstaffeln und ferne Welten. Die Lautsprecher knistern unter den Explosionen der Raumschiffe und einem Orchester, das in der Weite des Weltalls spielt. Es ist tief in der Nacht, und Commander Yuri zerstört noch immer alles, was auf der Route seiner Flotte liegt.

Ob nun in Mass Effect, Freelancer, Master of Orion oder Asteroids: Weiße Sternenpunkte leuchten auf schwarzem Hintergrund, blaue Gasnebel gebären neue Sonnen, Steinbrocken treiben durch die endlose Leere, während der Spieler den Traum von der Reise zu fremden Welten lebt. Der Weltraum ist das letzte Abenteuer für die Bewohner eines Planeten, der (scheinbar) keine Geheimnisse mehr bietet. Wir erforschen ihn in Eve Online, Star Trek Online, in Star Wars Galaxies, Halo, Homeworld oder dem Kerbal Space Program. Der Weltraum ist der Hintergrund für ein ganzes Genre an Videospielen – und Zufluchtsort für Exoten: Zum Beispiel Infinite Space für den Nintendo DS, entwickelt von Platinum Games.

Commander Emo

Ich habe schon einmal über Infinite Space geschrieben – auf Englisch, ohne Erfahrung und mit einem zweifelhaften Sinn für Humor. Heute bin ich etwas reifer und muss das Geschlecht der Hauptfigur nicht mehr infrage stellen. Yuri, ein Junge von 16 Jahren und ungeklärter Herkunft, möchte seinen Heimatplaneten verlassen und trifft dabei auf die Pilotin Nia. Sie ziehen als eine Art Söldner durchs All, sammeln Gefährten, neue Schiffe und Erfahrung – bis ein altes Großreich in Yuri’s Sektor einfällt, denn es wäre keine Space Opera, wenn nicht irgendwo ein Imperium jemanden unterdrücken würde.

lets go to my room

Oft kreist Infinite Space um ein Niveau, das irgendwo zwischen einer schlechten The Next Generation-Episode und Baby’s erster Verschwörungstheorie kreist. Yuri, seine Mitstreiter und die anderen Abziehbilder faseln pausenlos von Ehre und vom “Starksein, nicht heulen” – in der Zukunft ist der pädagogische Zeigefinger wohl noch nicht ausgestorben. Genre-Klischees wie etwa der grübelnde Teenager-Protagonist stellen der Geschichte ein weiteres Bein: Yuri befehligt eine ganze Flotte von Raumschiffen, inklusive Besatzung – ich weiß jedoch nicht, wann wir das letzte Mal einem 16-Jährigen die Schlüssel zum Flugzeugträger in die Hand gedrückt haben.

Zwischen den Stühlen

Doch die Fehler von Infinite Space hören nicht mit der Geschichte auf. Der Kampf zwischen Raumflotten kann zum Beispiel sehr schnell zum reinen Automatismus verkommen, wenn der Spieler Schiffe und Crew gut vorbereitet. Doch viel schlimmer ist, dass Geschichte und Spiel so gut wie keinen Einfluss aufeinander nehmen. Der Spieler sucht die richtigen Raumschiffe aus und bringt die Hauptcharaktere an den richtigen Ort, damit die Geschichte weitergehen kann; das ist für ein japanisches Rollenspiel normal, FTL macht das aber trotzdem besser.

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Infinite Space hat außerdem keinen echten Fokus. Neben Raumschlachten und Standbild-Erzählungen wartet ein Raumschiff-Editor, mit dem der Spieler die Räume seines Raumschiffes neu anlegen kann, um die Moral der Mannschaft, Schaden oder Geschwindigkeit zu erhöhen. Auf einigen Planeten können Yuri und seine Gefährten außerdem Labyrinthe in der Ego-Perspektive erkunden. Dabei kommt es dann gelegentlich zu Kämpfen, deren Regeln ich bis heute nicht ganz verstanden habe.

Das Spiel ist eine seltsame Mischung: Zu viel Gameplay für eine Visual Novel, doch zu wenig für ein richtig großartiges Spiel. Manch einer mag in Yuris Abenteuer auch nicht mehr als einen Nebel voller Fehler sehen. Trotzdem konnte ich meinen DS nicht weglegen – bis in die Nacht hinein zerballerte meine Flotte Piratenschiffe und die Kreuzer fremder Nationen. Infinite Space ist wie von Dr. Frankenstein zusammengesetzt – und funktioniert trotz aller Dummheiten: Der nächste Bauplan für einen Superkreuzer ist nur ein paar Welten entfernt. Am Ende des Sektors wartet eine neue Wendung auf Yuri. Und wenn ich jetzt ein neues Modul in mein Schiff einbaue, dann müsste meine Flotte noch mehr Schaden anrichten.

Infinite-Space-crew

Ein Universum in der Tasche

Wer in der richtigen Stimmung ist, der findet mit Infinite Space ein schwarzes Loch, das Stunden frisst. Nach einem Zeitsprung in der Mitte des Spiels macht dann auch die Geschichte Spaß – die Charaktere sind älter, reifer und spannender. Yuri und seine Schwester Kira kommen dann ihrer wahren Herkunft auf die Spur, und inwieweit sie mit dem Schicksal des Universums verbunden sind.

Vorher kann der Spieler jedoch noch Hunderte von Planeten besuchen, unzählige Schiffe bauen und mit zahllosen Charakteren sprechen, bis nur noch zwei kleine Bildschirme durch die Nacht leuchten. Infinite Space ist nicht perfekt. Es ist auch nicht unendlich – aber in seiner Unvollkommenheit fast schon unendlich spannend.

Über Christoph Volbers

Christoph hat viel zu viele Töpfe am Kochen: Er ist der Kopf hinter dem Science Fiction-Metal-Projekt Xenogramm und schreibt an seinem eigenen Roman. Gleichzeitig studiert er Englisch und Geschichte im schönen Bremen (nicht lachen!). Da er jedoch nicht immer vor dem Bildschirm hocken kann, geht er arbeiten - und zwar in einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen. Wenn er sich davon erholen will, dann kocht er, oder er geht laufen, oder er sieht sich Filme und Serien an. Oh, und offenbar schreibt er auch für krautgaming. Wie konnte ich das nur übersehen?

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