The Surge 2 Test: Gekloppe “Frankfurter Art”

The Surge 2 Test: Gekloppe “Frankfurter Art”

von am 18.10.2019 - 20:07
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Als vor nun bereits 7 Jahren Lords of The Fallen vom deutschen Entwickler Deck 13 erschien, konnte es bei mir nur ein gelangweiltes Schulterzucken hervorrufen. Zu uninspiriert war dieses erste Souls-Like. Bei The Surge war ich immerhin gewillt zuzuhören. Wieso mich Surge 2 jetzt endlich an den Bildschirm klebt, verrät der Test.

Was lange währt

“Mensch, Deck 13!  Was ist das denn für ein lahmer Einstieg?” denke ich mir als die CD das erste Mal im Laufwerk meiner düsenden PS4 rotiert. Denn auch wenn die Cutscene zu Beginn mit ihren Produktionswerten beeindruckt ist ansonsten doch recht wenig geglückt. Weder werde ich emotional mitgenommen, noch bleibt es mysteriös genug um mein Interesse zu wecken.

Und wenn dann noch einer der Sprecher mit dem seltsam zirkushaft vorgetragenen Satz: “Bereitmachen für Absturz” nur zu Gelächter führt, bin ich wirklich besorgt. So. Genug abgelacht. Erst einmal zum Wesentlichen: Worum geht’s überhaupt?

Neue Stadt – neues Ich

“The Surge 2” spielt nach den Ereignissen von “The Surge” in der Cyberpunk-Stadt “Jericho-City”. Seit einem gewissen Vorfall laufen Maschinen Amok und Verbrecher verwüsten die Straßen. Eure Aufgabe? Alles wegkloppen und aufdecken, was denn nun eigentlich los ist. Und die Stadt aus dem selbst geschaffenen Joch befreien.

Dafür müssen wir uns jedoch erst einmal einen Charakter erstellen. Denn im Vergleich zum Erstling gibt es hier keinen vorgeschriebenen Protagonisten. Das hat einerseits den Vorteil, dass wir uns im Editor austoben und mit einem (in meinem Playthrough) alten, versifften Mann auf Reise gehen können. Andererseits nimmt man sich durch diese Art auch oft die Möglichkeit einen tiefgehenden Charakter zu erzählen. Womit wir bei der Geschichte wären.

Der Editor macht seinem Namen alle Ehre

Nimm Ding a zu Punkt b und kloppe rum

Denn wenn “The Surge 2” mit seinem Vorgänger und auch Lords of the Fallen noch eine Sache gemeinsam hat, ist es die sehr anzufragende Geschichte und sehr egales World-Building. Wo ich in Genre-Kollegen wie Bloodbourne und Dark Souls ebenso faszinierende wie verstörende Welten erkunde und immer tiefer in ihre Geheimnisse eintauche, bleibt bei  The Surge 2 nur glatte, polierte Oberfläche zurück. Allzu gerne würde ich mich in nicht enden wollende Forenbeiträge zu Details aus der Welt stürzen und graben bis ich wirklich auch den letzten Baumstumpf analysiert habe. Doch leider gibt die Welt ein Auseinandersetzen mit sich selbst in dieser Art nicht her.

Zwar ist die Welt abwechslungsreicher und schöner gestaltet als Im Vorgänger, bleibt jedoch leider nur eine schöne Hülle. Und ja… es ist löblich, dass auch hier nicht alles zur Welt erklärt wird und man gelegentlich auch ein wenig die losen Enden mit der eigenen Fantasie füllen muss, doch an die Faszination der großen Vorbilder reicht “The Surge 2” leider nicht heran.

Doch das muss es auch nicht. Denn auch wenn es in den vorangegangenen Punkten enttäuscht, ist “The Surge 2” in anderen Punkten schon gefährlich nah an Fromsoftwares Meisterwerke heran gerückt.

Kloppt gut

Denn Spaß macht “The Surge 2”. Und wie! Aber erst einmal zu den Basics. Da es sich hier um ein Souls-Like handelt sind diese ja schnell geklärt. Ihr habt zusammenhängende Gebiete, schaltet innerhalb dieser Areale weitere Abkürzungen frei, habt feste Punkte bei denen ihr den Fortschritt speichern könnt, stahlharte Gegner und ein Level-System mit dem ihr euch langsam euren Weg nach vorne bahnt.

Die Mechanik aus dem Vorgänger, mit der ihr Gegnern Waffen und Rüstungen einzeln abtrennen könnt, hat es auch in den Nachfolger geschafft. Und das funktioniert so gut wie eh und je. Besonders da diesmal auf einen faireren und ausbalancierten Schwierigkeitsgrad geachtet wurde, womit die Risk-Reward Strategie noch mehr zum Tragen kommt.

Greife ich einfach nur simpel den Schwachpunkt des Gegners an um den Kampf leichter zu gewinnen oder versuche ich ausschließlich auf seine Waffe zu prügeln, was den Kampf zwar schwerer macht, aber mir auch diese neue Waffe beschafft? All diese Dinge wollen beachtet werden, bevor ihr in einen Kampf zieht.

Und zum Glück ist das Kampfgefühl so großartig gelungen, dass es nie aufhört Spaß zu machen. Die Schläge haben herrlich viel Gewicht und auch sonst ist alles in Butter. Die Kamera ist (fast) immer gut positioniert und lässt das Kampfgeschehen nie zu einem unübersichtlichen Haudrauf verenden

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Loot-Prügel

Ein großer Fokus von “The Surge 2” ist das eingeflochtene Lootsystem. Denn mit dem Abtrennen von Waffen ist es noch lange nicht getan. Im  Verlauf des Spiels erhaltet ihr nicht nur eine flutende Anzahl an Waffen jeglichen erdenklichen Typs, sondern auch Rüstungen und Material mit dem ihr all dies verbessern könnt. Und jetzt kann ich es ja auch sagen: The Surge 2 ist ein Traum für alle Loot-Menschen da draußen und alle die es werden wollen. Und macht mit den vielen verschiedenen Mechaniken in teils erstickenden Menüs so ziemlich alles richtig. Die Belohnungszentren im Gehirn werden so dauerhaft massiv getriggert, dass man versehentlich mal nebenbei 5 Stunden versenkt und sich fragt, wo die Zeit geblieben ist.

Und wenn wir schon mal bei Lobhudeleien sind, komme ich doch gleich auf das andere Fantastische an “The Surge 2” zu sprechen:

Schachteln in Schachteln in Schachteln

Kennt ihr diese Gefühl? Dieses ganz besondere Souls-Gefühl? Wenn ihr nach einer langen, beschwerlichen Reise nichtsahnend ein Tor aufmacht und euch plötzlich am Anfangsgebiet wiederfindet? Es sind genau diese Momente, die den Charme solcher Spiele ausmachen. Wenn es “Klick” im Kopf macht und sich alle kleinen Teile plötzlich zu einer Landkarte zusammenfügen.

Genau dieses Gefühl nimmt sich “The Surge 2” und potenziert es hundertfach. Ganz nach dem Motto: “Doppelt hält besser. Oder besser dreifach… oder vierfach…oder… oder… oder…”

Denn die verschiedenen Stadtteile sind so dermaßen verschachtelt und überkompliziert designt, dass es jeden Architekten zum sofortigen Herzstillstand bewegen würde. Den Gamer freut es aber.

Denn hier hat Surge schon fast mehr mit einem Puzzler zusammen, als mit einem Souls-Like. Abkürzungen und kleine Unterlevel sind so allgegenwärtig, dass sich Surge 2 endlich zu etwas eigenem mausern kann. Zwar fehlt es den Abkürzungen manchmal an Finesse und sie wirken zum Teil recht plump eingesetzt, aber dem Spielspaß tut das jedoch keinen Abbruch. Es macht einfach enorm viel Spaß sich durch die Gebiete zu schlagen.

Bosse mit Hau

Die Bosse in “The Surge 2” sind die Hürden, die es zu meistern gilt. Und sie sind alle ausnahmslos gut designt.  Die Kämpfe machen Spaß und bieten den idealen Mix aus stetigem Lernen und Frust. Wirkliche Ausreißer nach oben oder unten sind mir nicht aufgefallen.

Einen Kritikpunkt gibt es dann bei den Bossen aber doch: Es sind einfach wenige. Am Ende wird man sich zwingend den Kopf kratzen und sich fragen, ob es das schon gewesen sei. Und leider lautet die Antwort: Ja.

Auch schade ist, dass die Bosse im generellen Universum von The Surge keine große Rolle spielen. Sie sind einfach… da. Das ist nicht wirklich schlimm, aber leider wurde hier Potenzial verschenkt.

Aber das ist nur ein kleiner Wermutstropfen in einer Reihe sehr guter, aber weniger Boss-Encounter.

Die gute alte Technik

Bleiben eigentlich nur noch Grafik und Technik. Und hier macht The Surge 2 eine solide Figur. Auch wenn Pop-Ups nerven und einige Grafiken auch nach Minuten noch nicht nach geladen haben, fällt das nicht sonderlich störend auf.

Was jetzt aber auch nicht heißen soll, dass wir es hier mit einer technischen Augenweide zu tun haben. Die Kanten flimmern, die Treppchen bilden sich (auf der Standard PS4) mit schöner Regelmäßigkeit und die langen Ladezeiten sorgen für kleine Kratzer auf der Cyber-Oberfläche.

Nein… wirklich hübsch ist The Surge 2 leider nicht. Und dass es dann auch nicht wirklich rund läuft, macht die Sache nicht besser.

Musikalische Robotik

Aber am Ende bleiben die anderen Qualitäten im Gameplay, die von einem wirklich gelungenen Soundtrack untermalt werden. Dieser fängt die Atmosphäre des gesehenen Materials stets gut ein und klimpert auch sonst schön im Hintergrund mit. Im Kopf bleibt zwar auch das gute Main Theme nicht, dennoch ist hier das Lob angebracht.

Und auch die sonstige Soundkulisse macht einfach Spaß. Alle Maschinen piepen und fiepen um die Wette und ein Schlag auf den gegenrischen Robo-Arm scheppert bis zur benachbarten Wohnung. Schön, dass hier auch die Details stimmen.

Fazit

The Surge 2

von am 18.10.2019

Was für eine schöne Überraschung! Mit “The Surge 2” liefern Deck 13 ihre bisher (mit Abstand) beste Arbeit ab. Das Gameplay ist wunderbar flüssig, die Belohnungen befriedigend und die Ideen zahlreich. Die Entwickler  haben wirklich ganze Arbeit geleistet und ein Souls-Like abgeliefert, dass den Namen verdient. In vielen wichtigen Bereichen. Aber warum dringt es dennoch nicht in die Wertungs-Sphären eines Bloodbournes oder Dark Souls vor?  Was fehlt zu einem wahren SoulsBourne? Meiner ganz subjektiven, persönlichen Meinung nach, ist es das gewisse Etwas, das einfach fehlt. Es sind die Feinheiten im Weltendesign, die Verzahnung von Bossen mit ihrer Welt. Das bewusste Schaffen erzählerischer Lücken im Kontext der Spielerfahrung. Denn das ist es, was diese Spiele von der Masse abhebt. Das erschaffen von Orten jenseits der Vorstellungskraft, welche dennoch eine gewisse Erdung besitzen. All das macht FromSoftwares Meisterwerke aus. In diesen Bereichen muss Deck 13 noch einiges lernen. Denn beim Rest sind sie schon wirklich weit gekommen. Meine Hochachtung  nach Frankfurt. Und ich freue mich jetzt schon auf das nächste Abenteuer.

Grafik: 75
Sound: 88
Gameplay: 85
Spieldesign/Spielwelt/Umfang: 85
Spielspaß/ Atmosphäre: 80

 

 

 

 

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