Evolution statt Revolution? Far Cry 5 im Review

Evolution statt Revolution? Far Cry 5 im Review

von am 09.04.2018 - 18:56
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Spricht man über Spiele mit offenen Welten, so wird früher oder später zwangsläufig ein Name fallen: Ubisoft. Die französische Spieleschmiede hat in den letzten Jahren beinahe alle eigenen Marken auf das ‚Open World‘-Konzept umgemünzt. Seien es die Einsätze der Ghosts in Mittel- und Südamerika, Rennen quer durch die USA, oder Wintersport in den virtuellen Bergen. Egal welches Genre, die Grundstruktur der offenen Welt, inklusive verschiedenster Haupt- und Nebenaufgaben sowie beinahe endlos viel Sammelkram, ist beinahe überall anwendbar. Doch mittlerweile hat sich eine gewisse Sättigung breit gemacht, woran vor allem zwei der bekanntesten Marken von Ubisoft enorm zu knabbern hatten. Die Rede ist natürlich von Assassins Creed und Far Cry. Doch nachdem Ubisoft bereits den strauchelnden Assassinen mit Assassins Creed Origins frisches Leben einhauchen konnten, sind die Hoffnungen natürlich groß, das Far Cry 5 eine ähnliche Frischzellenkur erfahren hat. Ob Ubisoft die überfällige Modernisierung gelungen ist, klären wir für euch im Test…

I have a feeling we’re not in Kansas anymore

Während die bisherigen Teile der Far Cry Reihe hauptsächlich an exotischen, abgelegenen Orten spielten, ist Far Cry 5 ein ganzes Stückchen tiefer in der Realität verankert.  Das fiktive Hope County, im U.S. Bundesstaat Montana, mit seinen weiten Feldern, dichten Wäldern und kristallklaren Seen, dürfte zumindest bei vielen einen gewissen Wiedererkennungswert haben. Und hier, in dieser friedlichen Idylle des mittleren Westens, starten wir in unser Abenteuer. Doch zu dem Zeitpunkt an dem wir ins Spiel einsteigen, ist an Ruhe und Frieden schon nicht mehr zu denken.

Eine militante, religiöse Sekte tauchte hier vor kurzem auf, kaufte jede Menge Land und begann die Bewohner zu vertreiben. Kein Eingreifen der Regierung, keine Hilfe von Außen, die verängstigte Bevölkerung konnte nur tatenlos zusehen wie die Sekte sich immer weiter ausbreitete.

Die Gemeinschaft glaubt der Kollaps steht kurz bevor, und nur wer Gottesfürchtig ist kann diesen überleben.

Far Cry 5 Review

Doch zum Glück sind wir jetzt da! Gemeinsam mit einigen Kollegen vom Sheriffs Department und einem U.S. Marshall, sitzen wir im Helikopter richtung Sekten-Hauptquartier. Den Haftbefehl für Joseph Seed, den verrückten Anführer der Glaubensgemeinschaft, haben wir auch im Gepäck. Wir landen auf einer Ranch, umringt von schwer bewaffneten „Gläubigen“ und betreten eine kleine Kapelle, in der „Father“ Joseph gerade eine Predigt für seine Schäfchen hält. So weit, so gut. Ein Handschellen-Klicken später, sind wir auch schon wieder auf dem Rückweg, mitsamt dem Sektenführer. Der Irre lächelt nur und meint Gott würde ihn noch nicht gehen lassen. Und als die Meute um uns herum immer nervöser wird, beschleicht uns langsam die Vorahnung, dass es tatsächlich schwieriger wird als gedacht, Joseph Seed zu verhaften.

Far Cry 5 Review

Es kommt wie es kommen muss, und einen (obligatorischen) Hubschrauberabsturz später, finden wir uns alleine im Wald wieder, dicht gefolgt von einer Meute Peggies (so nennen die Einwohner Hope Countys die Sektenmitglieder).

Natürlich überstehen wir die Hetzjagd durch den Wald, doch was nun? Unsere Kollegen wurden gefangen genommen, und allein, ohne jegliche Bewaffnung, haben wir keine Chance gegen die Sekte.

Willkommen zum Eierfest!

Ab hier greift dann auch wieder das Far Cry typische Gameplay. Wir helfen den Bewohnern von Hope County, erhalten Waffen, Fahrzeuge oder Unterstützung als dank, und bauen so nach und nach einen Widerstand gegen die Sekte auf. Dabei erkunden wir ganz Hope County und lernen nebenbei neue Skills und Fähigkeiten, die uns Vorteile im Kampf verschaffen. Klingt ganz nach den Vorgängern? Größtenteils ist das auch richtig. Far Cry spielt sich noch immer wie Far Cry. Das heißt jede Menge Ballern, Fahren, Fliegen, Jagen und so weiter… an den Grundbausteinen hat sich prinzipiell nichts geändert.

Far Cry 5 Review

Solch ruhige Momente sind in Far Cry 5 eher selten

 

Was sich allerdings anders gestaltet, ist die Art wie die Missionen in die Welt integriert wurden. Wie schon in Assassin’s Creed, sind selbst Nebenmissionen nun oftmals Teil der Handlung und werden von kurzen Zwischensequenzen und vielen Dialogen begleitet. Dadurch fühlen sich auch simple Aufgaben relevant und weniger repetetiv an. Dazu kommt auch, wie man die Missionen erhält. Oftmals führen in der Welt versteckte Notizen, oder das Abhören eines Anrufbeantworters zu neuen Zielen. So wirkt die Spielwelt zusammenhängend und in sich geschlossener, als bei so manchem Vorgänger.

Auch die Missionen selbst überraschen (neben dem üblichen Hol, Bring,Töte, oder Rette-Einerlei) mit kreativen Ideen. So möchte beispielsweise der örtliche Koch, das alljährliche Eierfest zur Stärkung der Moral veranstalten. Und ja,… falls ihr es euch nicht schon denken könnt, hier geht es nicht um gewöhnliche Hühnereier. Tatsächlich benötigt der Koch Stierhoden zur Zubereitung einer örtlichen Delikatesse. Da die Hoden am besten frisch entleert sein sollten, (wirklich… kein Scherz!) gestaltet sich diese Aufgabe doch etwas komplizierter als nur zum nächsten Metzger zu gehen. Und ohne jetzt zu viel zu verraten, die Mission nimmt später noch bescheuertere (im positiven Sinne) Züge an. Ich habe mich nur noch schlapp gelacht. 😀

Neben dieser gibt es noch viele weitere absurde Aufgaben, die zwar witzig und enorm unterhaltsam sind, aber auch im krassen Kontrast zur sonstigen Atmosphäre stehen.

Zwischen Thriller und Action-Komödie

So sind die am Anfang beschriebenen Szenen, um die missglückte Verhaftung von Joseph Seed und die anschließende Verfolgungsjagd, wirklich verdammt intensiv. Die Szenerie sowie sämtliche Dialoge schaffen eine enorm spannende Atmosphäre. Wer ist Joseph Seed? Wie konnte er eine solche Macht über seine Anhänger erlangen? Und wo zur Hölle kommt diese gestörte Truppe überhaupt her? Sind nur einige der Fragen die man sich stellt. Auch die Vorstellung wie weit Josephs Macht tatsächlich reicht, oder der Anblick übel zugerichteter Leichen am Wegesrand, erfüllen einen mit einem miesen Gefühl in der Magengegend.

Far Cry 5 Review

Man könnte fast meinen Ubisoft hätte tatsächlich versucht einen spannenden Thriller zu inszenieren, der sich mit der Frage auseinandersetzt wie gewaltbereite, religiöse Fanatiker unbehelligt die Gesellschaft unterwandern können. Doch stattdessen schwankt die Geschichte immer wieder zwischen ulkigem Klamauk und brutaler Gewalt hin und her, so das ein uneinheitliches Gesamtbild entsteht. Ich für meinen Teil habe irgendwann die Hoffnung auf eine wirklich spannende Geschichte (mit etwas Tiefgang) aufgegeben.

Hat man sich einmal mit der Tatsache angefreundet das das Spiel eher Action-Komödie als Thriller sein will, wird man dennoch recht gut unterhalten. Dazu tragen vor allem die gelungen synchronisierten Bewohner, sowie die durchgeknallten, aber trotzdem glaubwürdigen Schurken bei (auch wenn die eigentliche Motivation der Sekte nur oberflächlich erklärt wird, und viele Fragen unbeantwortet bleiben).

Helfer und Fähigkeiten

Auch abseits der überarbeiteten Missionen, gibt es einige gelungene Neuerungen. So präsentiert sich der eigene Fortschritt überraschend motivierend. Für erledigte Aufgaben erhalten wir Fähigkeitenpunkte, die wir zum Kauf neuer, überaus praktischer Talente verwenden. Doch die Entscheidung fällt oft nicht leicht. Wollen wir lieber leiser Sprinten, erhöhen unsere Munitionskapazität oder benötigen wir doch einen zusätzlichen Waffenslot? Durch die neuen Fähigkeiten verschaffen wir uns aber auch zusätzliche Vorteile beim erforschen der Spielwelt. So können wir beispielsweise mit der Fähigkeit „Schweißbrenner“, verschlossene Safes öffnen oder unser angeschlagenes Fahrzeug reparieren.

Far Cry 5 Review

Eine weitere Neuheit sind die Helfer. Diese menschlichen, oder auch tierischen Begleiter, werden über eigene Missionen freigeschaltet und stehen uns fortan treu zur Seite. Jeder dieser Helfer verfügt über unterschiedliche Talente. Die Scharfschützin Grace erledigt markierte Ziele aus der Distanz, während Hund Boomer die Feinde im Nahkampf ablenkt und herumliegende Waffen zu uns bringt. Der Flugzeugpilot Nick Rye dezimiert die feindlichen Horden sogar mittels Bombenabwurf aus der Luft. Durch einfachen Tastendruck weisen wir den Helfern eine Position zu, lassen sie angreifen oder bringen sie dazu uns zu folgen.

Far Cry 5 Review

Wir sitzen in sicherer Entfernung, während unser Helfer die Drecksarbeit macht. Sehr praktisch 😀

Besser denn je?

Doch reichen die Neuerungen aus um Far Cry 5 ein frisches Spielgefühl zu vermitteln? Leider nur bedingt. Denn trotzdem sind viele der spielinternen Aktivitäten altbekannt. Und spätestens wenn man den fünften Konvoi überfallen, und die hundertste Geisel befreit hat, beschleicht einen das Gefühl das alles schon aus den Vorgängern, oder anderen Ubisoft Titeln zu kennen. Far Cry 5 gelingt es meiner Ansicht nach nicht eine eigene Richtung einzuschlagen, oder sich gar selbst neu zu erfinden.

Fans der Reihe dürften mit diesem Teil aber wieder absolut zufrieden sein. Das schnelle Gunplay ist wiedereinmal absolut gelungen, es gibt mehr Waffen und Fahrzeuge als je zuvor und auch optisch ist Far Cry 5 ein echter hingucker. Zudem ist der Umfang wirklich überwältigend. Neben der sowieso schon umfangreichen Kampagne (die auch kooperativ mit einem anderen Spieler bestritten werden kann), beinhaltet der Titel auch Far Cry Arcade. Ein Editor, mit dem Spieler ihre eigenen Level und Herausforderungen kreieren und mit anderen teilen können. Schon jetzt gibt es dort interessante Sachen zu sehen, doch wir sind gespannt welchen Content die Community in einigen Monaten produziert haben wird.

Far Cry 5 Review

Auch der Soundtrack ist durchweg gelungen, und überzeugt mit einer breit gefächerten Auswahl an unterschiedlichen, aber stets passenden Musikstücken.

Nur mit den Dialogen der Charaktere gibt es hin und wieder Probleme, wenn diese ihre Sprachsamples aus unerfindlichen Gründen plötzlich abbrechen und dann wieder von neuem anfangen zu erzählen. So habe ich schon lange Fahrten hinter mich gebracht, ohne das mein Beifahrer es geschafft hätte, seine Erzählung zu beenden. Und mir kam auch ein nerviger Bug unter, der mich dazu zwang eine komplette Mission erneut spielen zu müssen. Doch davon abgesehen gibt es an der Technik kaum etwas auszusetzen.

 

Fazit

Far Cry 5

von am 09.04.2018

Nein, die große Revolution ist Far Cry 5 nicht geglückt. Trotz einiger neuer Ideen schleppt das Spiel einfach noch zu viele Altlasten mit sich. Zumindest bringen die Begleiter und die glaubhaftere Welt ein wenig frischen Wind in die Reihe. Auch die Story kann nur teilweise überzeugen und verschenkt durch die uneinheitliche Atmosphäre noch zusätzliches Potential. Dennoch spielt sich die Action wieder famos und der enorme Umfang fesselt Shooter-Feunde für Tage ans Gamepad. Der ganz große Wurf ist Ubisoft also nicht gelungen, trotzdem ist Far Cry 5 ein optisch eindrucksvoller und verdammt unterhaltsamer Shooter geworden.

 

 

 

Kommentare

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Florian Reif 10. April 2018 um 09:36 10.04.2018 - 09:36

Der Autor diskriminiert mich!

Daniel Machut 10. April 2018 um 14:21 10.04.2018 - 14:21

😂 Die Natur der Dinge: Gibt es einen Baseball, so gibt es auch einen Baseballschläger. Spielst du Tennis, brauchst du einen Tennisschläger. Musste herzhaft lachen.