Project Cars 2 – Der Himmel für Renn-Nerds

Project Cars 2 – Der Himmel für Renn-Nerds

von am 03.10.2017 - 19:31
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Der Motor heult auf, als ich runterschalte und hart auf die Bremse steige. Die Reifen kreischen auf, das ABS-System ruckt. Mir läuft der Schweiß in die Augen. Zeit ihn wegzuwischen habe ich nicht…

Project Cars 2

Erst die Schikane – links-rechts in kurzer Folge, dann die Haarnadel. Obwohl es in den vorherigen Runden leicht geregnet hat ist der Track schon wieder fast vollständig trocken. Ich schere auf die linke Fahrbahnseite und lenke mit dem Fuß auf dem Gaspedal in die Schikane ein. Ich treffe den Scheitelpunkt der Linkskurve genau, rechts rumpeln die Reifen über die rot-weiße Markierung. Ich fahre die perfekte Linie, kaum Lenkradeinschlag, dafür jede Menge Power. Meine Verfolger schrumpfen zu bunten Punkten in meinem Rückspiegel. Eine kurze Gerade verschafft mir eine Verschnaufpause. Jetzt nur nicht übermütig werden. An der 500-Meter-Markierung bremse ich daher sachte,denn ich kann es mir bei meinen Rundenzeiten erlauben. Runter in den dritten Gang, mit 80 km/h rüber auf die linke Fahrbahnseite, die Markierung leicht anreißen, das Lenkrad einschlagen und… vor mir breitet sich eine große Wasserlache aus, die den gesamten Track bedeckt. Der Regen der letzten Runde hat sich in der Senke bei der Haarnadel gesammelt. Ich versuche noch nachzubremsen, aber ich spüre schon, wie mir das Aquaplaning die Hinterräder wegreißt. Ich gerate ins Schleudern und pralle mit 60 gegen die Reifen. Mein rechter Kotflügel segelt in hohem Bogen davon, und ich weiß – das Rennen ist gelaufen. Da hilft kein Fluchen, da hilft kein wildes Gegen-das-Lenkrad-hämmern. Die Punkte sind futsch ! Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Damit leben oder das Rennen neu starten. Neu starten? Ja, denn obwohl es sich so anhört (und anfühlt), ich schreibe nicht über meinen Nebenjob als Rennfahrer (den ich wirklich gern hätte), sondern über Project Cars 2, das neue Rennspiel des Developerteams Slightly Mad Studios und Publisher Bandai Namco Entertainment.

Project Cars 2 räumte  als hochkarätigste Simulation bei den Gamescom-Awards 2017 ab und wurde schon lange vor Veröffentlichung für seine große Liebe zum Detail gelobt. Ob sich die viele harte Arbeit der Developer wirklich gelohnt hat, erfahrt ihr in unserem umfassenden Test.

Start Your Engines, Please!

Project Cars 2

Nach einem Rennspiel-typischen Intro, mit jeder Menge schnellen Schnitten, epischer Musik und einer langen Parade durchs Bild rasenden Boliden aller Klassen, erreicht man ausreichend gehyped das Menü von Project Cars 2. Hier hat sich im Vergleich zum Vorgänger nur relativ wenig getan. Es gibt Einzelrennen, den Karrieremodus, Optionen und natürlich den Multiplayer. Ein paar schnelle Worte zu den Einstellungen des Spiels. Natürlich kann man hier wie üblich diverse Fahrhilfen ein- und hinderliche Dinge wie den Fahrzeugschaden ausschalten. Aber wer das tut, der fährt am Sinn des Spiels komplett vorbei, denn dann muss man nur noch auf R2 drücken und einer bunten Linie hinterherfahren. Wer das tun will, oder ganz stylish um jede Kurve driften möchte, als wäre er in einem Fast and Furios-Film, der spielt Need for Speed oder eine Runde Burnout. Es ist natürlich nichts gegen einen guten Arcade-Racer einzuwenden, aber sagen wir es so – Project Cars 2 ist eine Fahrsimulation, die dermaßen gut simuliert, dass andere Racing-Sims dagegen aussehen, wie ein bunter Teppich voller Matchbox-Autos. Also – Fahrhilfen aus, Settings auf Realismus, Schaden auf voll und los geht’s!

Satter Sound, Grafikpower, Tracks und Cars, Cars, Cars

Im Einzelspielermodus gibt es die volle Schaufel für Rennfreaks: 46 Tracks mit über 120 Layouts. Diese sind penibel gescannt und mit der neuen LiveTrack 3.0 Engine so realistisch umgesetzt, dass man kleinste Wellen in der Oberfläche und Unterschiede in der Beschaffenheit des Belages nicht nur registriert hat, sondern den Spieler auch spüren lässt. Und gut aussehen tut das Ganze dann auch noch, sowohl auf der Standard-PS4 wie auch in 4K auf der Plus. VR-Unterstützung und (auf dem PC) eine 12K-Triple-Screen-Auflösung gehören ebenfalls zum Programm. Die 189 Fahrzeuge (plus 8 weitere aus den beiden Sport-Packs) umfassen die komplette Bandbreite, von klassischen Autos bis zu Formel 1 Boliden – allemsamt liebevoll bis ins letzte Details gestaltet. Sie klingen dann sogar noch besser, denn auch die Sounds kommen direkt von der Rennstrecke – jeder Downshift heult gehörig, der Drehzahlbegrenzer der Rallye-Fahrzeuge lässt einem die Zähne knirschen. Jedes Mal, wenn ein Überholmanöver schief geht und Metall auf Metall kratzt, fährt einem die Gänsehaut über die Arme.

Project Cars 2

Die Einzelrennen bei Project Cars gehören zu den variantenreichsten, die man auf dem Bildschirm finden kann. Rennen auf einem gefrorenen See mit einem Formel Eins-Boliden bei Regen? Alles kein Problem. Von den bekannten internationalen Rennstrecken über Rallyecross-Strecken bis hin zu besagtem gefrorenen See findet hier jeder, was er fahren will. Rennbedingungen, Wetter und vieles mehr kann man einstellen, so dass man wirklich jedes Rennen aufsetzen kann. Detailliertes Tuning und ein wirklich hilfreicher Rennassistent mit Profi-Tuning-Tipps und Einstellungen gehören selbstverständlich mit zum Programm.

Wer sich nicht mit der stufenlos einstellbaren KI messen möchte, der hat all diese Möglichkeiten auch im Multiplayer. Der ist vor allem für eSports-Fahrer interessant. Neben den guten alten Versus-Rennen gibt es auch Directing, Broadcasting und Streaming-Möglichkeiten für richtig coole Übertragungen wie im echten Rennen, die man via Twitch oder YouTube teilen kann.

Aber wer nun glaubt, sich einfach in einen Zonda werfen zu können um mit 300 Sachen über die nasse Piste zu jagen, der hat sich schwer getäuscht – aber dazu später mehr. Sagen wir einfach, wer wirklich ein Star des Rennzirkus werden möchte, der fängt besser ganz unten an.

Der Weg nach oben – der Career Mode

Project Cars 2

Der Career Mode unterscheidet sich wenig von Project Cars. Man fängt in einer niedrigen Rennklasse an, sammelt Punkte, wird zu höheren Klassen oder Sonderevents eingeladen. Deutlich angenehmer ist hier im Vergleich zum Vorgänger der recht softe Einstieg in die Rennwelt. Beginnt man beispielsweise – wie ich für diesen Test – in der Ginetta-Klasse, so kann man sich durchaus ein paar Fahrfehler erlauben – die Fahrzeuge sind relativ antriebsschwach und man kann sich Schritt für Schritt in die Mechaniken des Spiels einfühlen. Und so fängt man sich den Renn-Virus ein. Langsam aber sicher lernt man die Tracks kennen, gewöhnt sich an die Steuerung, lernt korrektes Schalten – und man lernt die Kiesbunker, Banden und Reifenbarrieren fürchten, nicht zuletzt weil man sie so oft von sehr Nahem zu sehen bekommen wird. Mit anderen Worten – Project Cars 2 macht einen zum Rennfahrer. Und das ist ein langsamer, schwieriger und oft auch frustrierender Weg.

Die harte, aber geile Wahrheit

Wer glaubt bei Project Cars 2 durchstarten zu können, nur weil er sich bei Forza oder Gran Tourismo auf dem Track halten kann, der hat sich getäuscht. Wer aber mal auf einem echten Track gefahren ist, der wird sich hier wie im Himmel fühlen. All die kleinen Details, die manische Präzision der Entwickler übersetzt in einer einzigen Sache – einem wirklich realistischem Fahrgefühl. Ja, das haben wir alle schon oft gelesen, aber ich habe tatsächlich einige Runden auf Nürburg- und Hockenheimring gedreht – einige davon in einem BMW 2002 Turbo, einem Fahrzeug, das sich auch im Roster von Project Cars 2 findet.

Project Cars 2

Im direkten Vergleich stimmt einfach alles – Sound, Fahrverhalten, Tracks – zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass das Fahrzeug wirklich Gewicht hat und sich über echte Straßenoberflächen bewegt. Das heißt aber auch, das sich einem der übelste aller Gegner in den Weg stellt – die Physik. Project Cars 2 ist absolut gnadenlos. Einmal verbremst? Spin. Mit einem Tick zu viel Gas in Kurve? Geradeaus ins Feld. Hier hat Spielerei keinen Platz, wer driften will oder Spaß daran hat, andere Autos vom Feld zu schieben, der ist bei Project Cars 2 falsch. Man kann es eher als das Dark Souls unter den Rennsimulationen sehen – man scheitert und scheitert, wird in winzigen Schritten besser, bis man irgendwann tatsächlich Erfolg hat. Durch diese Härte wird Project Cars 2 nicht nur die beste Fahrsimulation, sondern auch die beste Rennfahrersimulation. Und das heißt – jede Menge harte Arbeit und Frust, für ein paar wirklich große Momente. Weniger ein Spiel, mehr ein kleiner Blick in die echte Rennwelt. Wer Spaß an so etwas hat, der wird Project Cars 2 lieben. Also: Lenkrad anschließen – mit dem Controller hat man spätestens bei den hinterradgetriebenen Supercars keine Chance auf eine kontrollierte Fahrt – und auf geht es in den Rennzirkus.

 

Project Cars 2

von am 03.10.2017

Project Cars 2 ist keine Simulation – es ist ein Erlebnis. Echte Rennfreaks werden sich hier direkt ins Cockpit katapultiert sehen. Zum ersten Mal seit ich Fahrsimulationen spiele, hatte ich hier das Gefühl wirklich zu fahren. Die Physik ist beängstigend realistisch und absolut ohne Spielraum für Fehler. Während des Tests schwankte ich zwischen echter Bewunderung für das Fahrgefühl und rasendem Frust über meine eigenen Fehler. Sound, Grafik, Wettereffekte, die Vielfalt an Tracks und Fahrzeugen fesseln einen in der Welt aus Geschwindigkeit und Präzision. Casual Gamer, ‚Arcade Racer‘-Spieler oder Menschen mit wenig Geduld, werden keine Freude an dem Spiel haben. Wer aber wirklich fahren will, der findet kein besseres Spiel als Project Cars 2. Die einzige Kritik, die ich mit gutem Gewissen äußern kann, ist dass man das Spiel mit allen realistischen Einstellungen wirklich nicht ohne ein gutes Rennlenkrad spielen kann – aber jeder, der Project Cars 2 mag, wird das ohnehin im Zimmer stehen haben. Daher: Petrolheads aller Länder… freut euch!

 

Über Lars Eggers

Geboren 1978 hat Lars die gesamte Entwicklung der Gamingindustrie mitgemacht: Atari, C64, Amiga, Super Nintendo, PC und vor allem die Playstation-Konsolen. Es ist ein Wunder, dass er überhaupt mal vor die Tür gekommen ist. Heute versucht er seine Geek-Natur zu kaschieren, indem er als selbstständiger Texter, Journalist und Dokumentarfotograf/Filmer unterwegs ist. Da er ein maßgeschneidertes Jedikostüm besitzt, in seiner Freizeit (Fan) Filme dreht und immer noch seine Rache an Fox für das Absetzen von Firefly plant, ist der Erfolg der Täuschung absehbar gering. Zocken tut er hauptsächlich an der Playstation und bezeichnet sich selbst als „mäßig fähigen, aber hochgradig enthusiastischen“ Gamer. Im Multiplayer ist Lars mehr für seine schlechten Wortspiele als für seine Zielgenauigkeit gefürchtet.

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