Yakuza Kiwami – Willkommen in den alten Tagen

Yakuza Kiwami – Willkommen in den alten Tagen

von am 22.08.2017 - 21:10
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Sega lässt einen Klassiker der großen Klassiker auferstehen. Versehen mit komplett überarbeiteter Grafik und vielen neuen Features trifft das Remake ins Schwarze – fast. 

Es war das Jahr 2005, eine ganz andere Zeit. Die Söhne Mannheims dudelten aus dem Radio, im Fernsehen liefen die ersten Staffeln von How I met your Mother und Supernatural und an den Kinos hingen die Plakate für Star Wars Episode III. Es war außerdem das letzte große Jahr einer Konsolengeneration. Die Playstation 3 und Xbox 360 waren noch Monate entfernt, an den Fernsehern der Gamer hingen zu dieser Zeit noch die Xbox – und meine heißgeliebte Playstation 2. 2005 war ein gutes Jahr für die PS2: God of War erblickte das Licht der Welt, Resident Evil wagte mit dem vierten Teil den Sprung auf die Schulterperspektive von Lederjackenträger und Präsidententochterbeschützer Leon Kennedy und man konnte mit Guitar Hero durchs Studenten-WG-Wohnzimmer rocken. Auch markiert 2005 den Start einer Reihe, die in den Folgejahren immer wieder von sich reden machen sollte – Yakuza. Ich persönlich habe Yakuza nie auf der PS2 gespielt – wahrscheinlich war ich zu sehr damit beschäftigt Batman begins zum 102. Mal im Kino zu sehen. Glücklicherweise kann ich diese Verfehlung nun nachholen – den nun gibt es Yakuza Kiwami, den komplett neu aufgelegten ersten Teil der Yakuza Reihe taufrisch für die PS4.

Willkommen in Kamurocho

Yakuza Kiwamis Introkapitel nimmt den Spieler mit zurück in das Jahr 1995 – eine Zeit ohne Internet, mit riesigen Mobiltelefonen und Zeitungsreportern als einzige Newsquelle – Mittelalter eben.  Hier lernen wir neben den wichtigen Charakteren auch die Location kennen – das (fiktive) Rotlichtviertel Tokios Kamurocho, das Yakuza Spieler bereits in- und auswendig kennen dürften. Am wichtigsten ist aber die Einführung von Protagonist Kazuma Kiryu, über dessen weiße Schulterpolster wir die nächsten 20 bis 30 Spielstunden gucken werden. Auch wenn das Spiel inzwischen 12 Jahre alt ist, werde ich die Story nicht spoilern, nur für den Fall, dass ihr (wie ich) das Spiel auf der PS2 verpasst habt. Denn die Handlung ist auch nach über einer Dekade das mit Abstand Beste an Yakuza Kiwami. Aber dazu später mehr.

Wenden wir uns zuerst den Neuerung des PS4 Remakes zu. Alle Grafiken wurden komplett neu aufgearbeitet – keine halbgaren Upscales, alle Texturen und die gesamte Engine wurden komplett neu aufgelegt und liefern daher Katana-scharfe 1080p mit 60fps. Und das kann sich wirklich sehen lassen. Vor allem die Licht- und Wassereffekte zaubern eine überzeugende Atmosphäre auf den Bildschirm, die den Spagat zwischen den leicht comichaften Farben des alten PS2-Originals und der High-Def-Auflösung der PS4 mit Leichtigkeit meistert. Auch die neu abgemischte Musik weiß zu überzeugen, denn sie ist genau das, was man von einem japanischen Spiel der 2000er Jahre erwarten würde – von den schnulzigen Pianostücken bis hin zum Synthiwummern in den Kampfssequenzen. Alles in allem ist das Upscale in die HD-Welt sehr gut gelungen.

Mehr Neuerungen und Updates

Ebenfalls überarbeitet wurde das Kampfsystem, welches nun ziemlich genauso funktioniert, wie das des bald erscheinenden Yakuza 0 – man kann verschiedene Stile auswählen und Kombo an Kombo reihen – einfach, schnell und stylish – auch wenn sich die spielerischen Unterschiede der vier Stile in Grenzen halten. Besonders cool kommen die Heat Finisher daher, die in bester Eastern-Manier sowohl cool als auch blutig ausgeführt werden.

Ebenfalls verbessert wurde das System der Substories. Es gibt über 70 Nebenmissionen, die in Komplexität und Ton sehr unterschiedlich aufgebaut sind. Man kann einen Menschen in Not helfen, mit ein paar Kiddies eine ausgesprochen fragwürdige Version eines „Schere-Stein-Papier“-Kartenspiel spielen, Hostessen becircen oder einfach mit einem Greiferspiel nach niedlichen Kuscheltieren angeln. Im Original waren viele dieser Missionen nur schwer auffindbar, nun sind sie größtenteils auf der Karte gekennzeichnet, durch Ausrüstung besser auffindbar und vor allem deutlich von den Hauptmissionen abgesetzt. Skillsystem und und Inventory sind ebenfalls leicht überarbeitet, aber dürften jedem Spieler, Yakuza-Erfahrung oder nicht, schnell zugänglich sein.

Eines der eher seltsamen Updates dreht sich um Majima, den einäugigen, Snakeskin-Jackets tragenden und vollkommen irren Yakuza, der nun im Laufe des Spiels an den seltsamesten Orten auftaucht (aus dem Kanal, verkleidet als weibliche Hostess oder als Straßendeko), um sich mit Kazuma im Duell zu messen. Funktioniert als Comic Relief seht gut und bringt einem den Spiel-berühmten Dragon of Dojima Kampfstil zurück – allerdings braucht man dafür eine Menge Majima-Duelle, die auf Dauer leider etwas ermüdend werden. Man hat spätestens nach dem 10. Duell wirklich verstanden, ja, Majima ist total verrückt und, ja, er will wirklich gegen dich kämpfen – dafür braucht man keine 50 weiteren Begegnungen, so absurd sie manchmal auch sein mögen.

Warum man für Zwischensequenzen eine Lesebrille braucht und andere Probleme

Das Spiel hat eine rein japanische Sprachspur, die komplett neu mit den Originalsprechern für das Remake aufgenommen wurden. Mag sein, dass das für Kenner der Feinheiten der Yakuzadialekte einen echter Mehrwert darstellt, für den Rest der Spielerschaft (und ich möchte behaupten, dass die meisten von uns nicht fließend Japanisch sprechen) ist dies allerdings eher lästig. Man kann während eines Gespräches keine Sekunde die Augen vom Bildschirm nehmen, ohne einen Teil des Dialogs zu verpassen und dann liest man ausschließlich die Untertitel – was aber eigentlich nichts ausmacht, denn die Gesichtsanimationen sind eh kaum vorhanden – Oldschool eben.

Und damit enden die Alterschwächeleien leider nicht. So gut die audiovisuelle Umsetzung ist, so sehr merkt man dem Spiel sein Alter an – Figuren schweben über dem Boden und drehen sich in einer Haltung ohne Bewegung um die eigene Achse (auch als die „Resident Evil 1 Schule der Bewegung“ bekannt), in den Sequenzen kommt und geht Blut oder Rauch wie es ihm gefällt und die schon erwähnten Gesichtsanimationen erinnert an Clint Eastwood. Der hat ja bekanntlich auch nur zwei Gesichtsausdrücke – mit Hut und ohne. Auch Gameplay und Leveldesign knarren und quietschen an vielen Enden. An jeder zweiten Ecke spawnen Zufallsbegegnungen (immer drei Gegner, immer in der gleichen Konstellation), die nach wenigen Spielstunden wirklich aufhören interessant zu sein. Invisible Walls verwähren Kazuma den Zugang zu Treppen, Gassen und anderen Bereichen, die Kollisionsabfrage ist klobig und all die Objekte, die man im Kampf nutzen kann, um seine Gegner zu verprügeln (ihr wisst schon, das Übliche: Fahrräder, zwei Meter hohe Werbeschilder, Steinsäulen und dergleichen) sind außerhalb der Brawls unbewegliche Hindernisse, an denen man jedes Mal, wenn man um ein Ecke geht, hängen bleibt.

Des Pudels Kern hat ein Drachentattoo – die Story

Es braucht eine Weile, bis man sich in die Welt von Yakuza eingefunden hat. Die Mischung aus düsterer Mafia Story voller Blut, Ehre und fliegenden Fäusten  gepaart mit einem hampelnden Majima, Nebenstories, die sich um Porno-DVDs drehen und Ability Vendors mit Clown Makeup in weißen Leisure Suits ist am Anfang eher befremdlich, entwickelt aber schnell einen unvergleichlichen Charme.

Der Grund, warum Yakuza Kiwami mt 12 Jahren auf dem Buckel noch immer ein phantastisches Spiel ist, ist ganz klar: die Hauptstory. Kazumas Fall und Aufstieg in den Rängen des Tojo Clans, seine Begegnungen mit alten Freunden, neuen Feinden, die Verluste, der Verrat, den er erleiden muss und natürlich die klassisch-tragische Liebesgeschichte fesseln von der ersten bis zur letzten Minute. Man merkt hier deutlich, dass die Developer des Originals die stark eingeschränkten technischen Möglichkeiten der PS2 mit einer cleveren und gut geschriebenen Story ausgleichen mussten, anstatt das Spiel mit einer offenen Welt in der Größe eines kleinen Kontinents und einer (Müll-)Wagenladung Hol- und Bringequesten aufzupumpen. Besonders nett sind die vielen Zeitsprünge, welche die Spielgegenwart (das Jahr 2005) mit vergangenen Jahren verwebt. Tatsächlich ist die Story in Verbindung mit den vielen Nebenstories dermaßen fesselnd, man merkt gar nicht, dass alle Missionen im Prinzip aus Hingehen, Draufhauen, Weggehen bestehen. Um mal so alt zu klingen, wie ich bin: eine Story wie diese wird heute nicht mehr gemacht. Wenn die Endcredits über den Screen flimmern bleiben Kazuma Blut und Ehre – und dem Spieler ein phantastisch erzählter rasanter Eastern-Mafiaepos.

Und wo wir bei Dingen waren, die man heute so nicht mehr bekommt – entschuldigt mich. Ich muss Batman begins gucken gehen.

Yakuza Kizami

von am 22.08.2017

Yakuza Kiwami ist ein rundum gelungenes Remake. Das Spiel katapultiert den Spieler mit aller Macht in die beste Zeit der PS2-Generation und erstrahlt in der hervorragenden technischen Neuauflage in nahezu makellosen HD-Glanz. Allerdings zeigt uns Yakuza auch, dass die guten alten Zeiten gar nicht immer so gut waren. Spielatmosphäre und Story stimmen ganz klar, aber die vielen kleinen Entwicklungen und Verbesserungen der letzten 12 Jahre bei Spielen dieser Art fallen dennoch ins Gewicht. Hätte man sich ein wenig mehr Mühe beim Remake gegeben, die Kollisionsabfrage etwas flüssiger, die Gesichtsanimationen ein wenig lebhafter gestaltet und die Random Encounter ein wenig zurückgefahren, Yakuza Kiwami hätte ein makelloser Retroknaller werden können – so bleibt der Spielspaß leider hin und wieder an einem der felsenfest mit dem Boden verankerten Fahrrädern hängen. Dennoch – wer sich noch einmal  zehn Jahre jünger fühlen oder den Beginn einer legendären Spielreihe ganz neu erleben möchte, der kommt an Yakuma Kiwami nicht vorbei.

Über Lars Eggers

Geboren 1978 hat Lars die gesamte Entwicklung der Gamingindustrie mitgemacht: Atari, C64, Amiga, Super Nintendo, PC und vor allem die Playstation-Konsolen. Es ist ein Wunder, dass er überhaupt mal vor die Tür gekommen ist. Heute versucht er seine Geek-Natur zu kaschieren, indem er als selbstständiger Texter, Journalist und Dokumentarfotograf/Filmer unterwegs ist. Da er ein maßgeschneidertes Jedikostüm besitzt, in seiner Freizeit (Fan) Filme dreht und immer noch seine Rache an Fox für das Absetzen von Firefly plant, ist der Erfolg der Täuschung absehbar gering. Zocken tut er hauptsächlich an der Playstation und bezeichnet sich selbst als „mäßig fähigen, aber hochgradig enthusiastischen“ Gamer. Im Multiplayer ist Lars mehr für seine schlechten Wortspiele als für seine Zielgenauigkeit gefürchtet.

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