Spielerfrau –  Mein Freund, seine Konsole und ich (Teil 3)

Spielerfrau – Mein Freund, seine Konsole und ich (Teil 3)

von am 27.07.2017 - 11:00

Krautgaming präsentiert euch eine Kolumne der etwas anderen Sorte. Ja, liebe Leute ! Stefanie Braun hat ihren Freund als Testsubjekt verwendet und unter Beobachtung gestellt und wird in unserer brandneuen Reihe über ihre Erkenntnisse berichten… Viel Spaß !   😀

Teil 3: Schärfer als die Realität

Warum es sich lohnt, hinzuschauen –II. Teil

Von Stefanie Braun

In grauen Vorzeiten, als man sich um zehn Uhr für die Party und nicht fürs Bett fertig gemacht hat, als der Metabolismus noch ohne Probleme einen Döner mit Pommes und zwei Snickers hinterher zu straffen Muskeln und nicht schlaffen Bauchröllchen verarbeiten konnte, als der Terminkalender noch für Geburtstage, Dates und als Kritzelblock und nicht für Zahnarzttermine und Meetings benutzt wurde, war die Welt ein einfacherer Ort. Und wem die Zeit mit Dates, Dönern und Partys noch nicht aufregend genug war, der konnte sie mit Video-, PC-, und Playstation-Spielen umso schöner kaputtschlagen. Aber auch diese Welt war damals einfacher: Landschaften, die noch keine Tiefenperspektive hatten, Figuren, die aus kleinen Quadraten bestanden und Mimik und Gestik, die eher eine Sache der eigenen Fantasie waren.  Aber mal ehrlich, genau darum ging es doch: die eigene Fantasie.

Spiele sollen Spaß machen, während man spielt und noch weit darüber hinaus. Wer hat sich als Kind nicht in seine Traumrolle versetzt? Wir waren alle tollkühne Helden, die ihre großen Abenteuer in verwunschenen Welten bestanden haben. Als Kinder haben wir noch groß geträumt. Wer von uns hat sich schon in aller Genauigkeit erträumt, später Bürokauffrau zu werden, seine Steuererklärung am Ende des Jahres zu machen oder sich vom Chef einen Einlauf verpassen zu lassen. Wir waren keine Bürokauffrauen, Steuersünder und Chef-Fuß-Abtreter. Wir waren Helden. Wir waren Zauberer und Hexen. Oder wenigstens Feuerwehrmann.

Aber irgendwann wächst man aus der Kindheit heraus und mit ihr verblasst diese unbegrenzte Begeisterung, dieses Hineinversetzen können in ein anderes Leben.  Bis die Spiele wieder Einzug halten. Schöner ist eben schöner. Und mittlerweile auch schärfer. Wer sich heute hinter den Flachbildschirm setzt, den perfekt auf Passform genormten Controller in die Hände nimmt und auf das große, freundliche Knöpfchen drückt, der entschwindet in eine Welt, die um einiges weniger aus der eigenen Vorstellungskraft besteht. Der blickt in menschliche Gesichter mit Hautproblemen, ersten Fältchen oder, noch viel krasser, Schönheitsmakeln. Der betritt Welten, die eine eigene sichtbare und merkliche Geschichte haben, selbst wenn diese nicht im Script der Hauptcharaktere fest verankert ist. Der erlebt Charakterentwicklungen und Storys, mit denen nicht mal preisgekrönte Endlos-Serien oder millionenschwere Hollywood-Kracher mithalten können. Das merkt nicht nur der Spieler, sondern auch der Zugucker. Denn jetzt seien wir mal ehrlich: Wer sagt, dass Spiele keine richtige Handlung haben, die über mehrere Stunden des Spielens trägt, der dürfte bei der trölften Staffel einer Serie über Zombies auch in Erklärungsnöte kommen. Wer argumentiert, dass Spiele unrealistisch und somit nicht glaubwürdig seien, der braucht Sonntagsabends um 20.15 Uhr keine Spielfilme über Kriminalfälle zu schauen. Und wer glaubt, dass es in Spielen immer noch nur um Baller-Action und schlecht animiertes spritzendes Blut geht, der war noch nie in San Francisco unterwegs, um eine Trophy dafür zu bekommen, möglichst viele Hunde gestreichelt zu haben (man spiele Watch Dogs 2).

Spiele sind nicht nur optisch ansprechender (und somit auch für den Couchnachbarn genießbarer) geworden, sondern mit der besseren Optik wurden auch mehr Finessen in der Story möglich. Details, die einen Charakter vielschichtig und menschlich erscheinen lassen, Welten, die größer und vielversprechender sind, als dass 100 Spielstunden dafür ausreichen würden, und Geschichten, die uns nachts nicht schlafen lassen, weil wir im Traum mit unseren Helden kämpfen, grübeln und Hunde streicheln.

Spiele haben Filme abgehängt, Spiele haben Serien abgehängt, Spiele haben sich selbst überholt und haben dadurch sogar noch mehr Schwung bekommen. Aber eines hält immer noch mit: die eigene Fantasie. Denn wenn wir um viertel vor 10 den Controller aus der Hand legen, die Konsolen ausschalten, den Flachbildschirm auf Standby stellen, um pünktlich um 10 Uhr im Bett zu liegen, damit wir am nächsten Morgen fit genug sind für die Büroarbeit, den Einlauf vom Chef oder die Berge an Formularen für die Steuererklärung, dann ist sie trotzdem noch aktiv. Sie begleitet uns in den Schlaf, auf dem Weg zur Arbeit, rettet uns über stupide Arbeiten, baut uns nach dem Anschiss von oben wieder auf. Weil es in dieser Welt oft genug Gründe für eine Flucht gibt, werden die Möglichkeiten zu fliehen immer mehr und ihre Auflösung immer besser. Sie sind eben oft einfach schärfer als die Realität.

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