Als das Paradies Feuer fing
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Man muss nicht bis zu Walden zurückgehen, um zu verstehen, dass Literatur und Film Ausstiegsentwürfe nur allzu gerne in den Mittelpunkt oder in den Hintergrund ihrer Dramaturgien stellen. Das Entfliehen aus der Zivilisation und das Den-Problemen-des-Alltags-den-Rücken-Zuwenden sind feuerfeste Motive und bedienen eine Sehnsucht, die in vielen Leser_innen, Seher_innen und ihrer bürgerlichen Welt vor sich hin schlummert. Mit Firewatch betreten Spieler_innen eine ebensolche faszinierende Gemengenlage des (vermeintlichen) Eskapismus.

Junge YouTuber rätseln – was ist ein Walkman?

Das „bärtige Dickerchen Henry“. So wird er bestimmt hin und wieder hinter seinem Rücken genannt. Bleiben wir erst mal nur bei Henry. Also, Henry glaubt, dass er seinen Problemen zuhause – das ist übrigens Boulder, Colorado – entkommen kann, als er einen Job als Feuerwächter in Wyoming annimmt. Nun, es sind die 1980er, da bedeutete vielleicht Abgeschiedenheit noch Abgeschiedenheit. Die WLAN-Präsenz war vermutlich derart schwach ausgeprägt, dass selbst der wildeste Verschwörungstheoretiker noch keinen Aluhut tragen musste (#freedom).

Die Vergangenheit hinter sich lassen

Henrys „Problem“ ist seine Ehefrau. Was zuvor schon eine herausfordernde Fernbeziehung war, gerät endgültig in Schieflage, als Julia an Alzheimer erkrankt. Das Miteinander wird zunehmend schwieriger, die Lage eskaliert und irgendwann holen Julias Eltern ihre Tochter zurück nach Australien. Henry steht – und das auch noch ziemlich promillebeladen – vor den Trümmern seiner Existenz (#NotProsit).

Signifier der Schönheit

Kaum in seinem kleinen Refugium, einem malerischen Überwachungsturm, dessen weißer Lack bereits im Absplittern begriffen ist, angekommen, beginnt die Reise ins Mysterium. Zu diesem Zeitpunkt haben wir bereits die ersten Schritte aus der Ego-Perspektive im Wald unternommen und konnten uns an Flora und Fauna erfreuen. Wie Entwickler Campo Santo den Nationalpark in Szene setzen, ist sensationell – und gleichzeitig schmerzlich zeitgemäß: das Spiel wirkt visuell wie ein Best-of aller Instagram-Filter auf einmal (#InstaGraph).

Atmo.Peripherie

Was sich dann – begleitet vor einem hervorragenden Soundtrack und einer sehr theatralischen Voice-Over-Arbeit (Cissy Jones und Rich Sommer legen sich mä-äää-chtig ins Zeug!) – über die nächsten vier bis fünf Stunden entfaltet, ist eine packende Mischung aus Mystery-Thriller und Bad Romance. Übrigens, wenn in diesem Zusammenhang in Besprechungen des Spiels immer wieder das Adjektiv „atmosphärisch“ auftaucht, und man wissen möchte, WAS denn damit genau gemeint werden soll, dann sei an dieser Stelle ausdrücklich der Sammelband Zwischen|Welten: Atmosphären im Computerspiel von Christian Huberts und Sebastian Standke empfohlen (#gamestudiesFTW).

Kein Ninja. Nur eine Schildkröte

Obgleich es an den Spieler_innen selbst liegt, wie lange sie das entspannte Schlendern durch den Wald, das hypnotisierende Starren auf das riesige, lodernde Waldfeuer, das Lesen von Buchrücken fiktiver Romane und Sachbücher sowie das entzückte Betrachten der zu entdeckenden und domestizierenden Schildkröte namens Turt (oder Shelly) genießen, steuert die beschriebene Genremelange linear auf ihre Auflösung zu. Glaubt man Spieler_innen (mache ich…selten) oder Fachjournalist_innen (mache ich…okay…ein wenig häufiger), sei die Peripetie schwach auf der Brust (#AnagnorisisUngleichHamartia).

Ha-ZZ der Hässlichen

Es fällt mir sehr schwer, hinter vielen dieser Einwänden nicht einfach den Frust diverser „Core-Gamer“ (Du sollst keinen anderen gatOOOr-Gott nehmen mir haben!) zu sehen, dass sich doch „wenigstens nach all den auf sich genommen Strapazen als Henry“ man sich saftigen BlowJob vom Female Lead verdient hätte. Stattdessen haut die Alte einfach ab. Spinnt die? Ich meine, die Zerzauste zuhause ist doch eh durch – die wird mich wohl kaum nochma’ ranlassen. Fuck! Ey! Und überhaupt…#WalkingSimulator. Sowie kein echtes Spiel! Zero Challenges!! Voll Therapiesitzung für Artfags!!! Dafüa zal isch ned!!!!

Ich atme tief durch. Blicke auf den See vor mir. Und langsam geht die Sonne unter. Tag 80. Das Feuer ist gelöscht. Danke für die Stunden. Ich schalte jetzt das Walkie-Talkie ab. Off duty.

Über Rudolf Inderst

Geboren 1978 in München, studierte Poltikwissenschaften in München und Kopenhagen. 2009 schloss er seine Promotion zur „Vergemeinschaftung in MMORPGs“ in Amerikanischer Kulturgeschichte ab. Als freier Autor schreibt er für unterschiedliche Portale und Publikationen zu den Themen digitales Spiel und Film. Auch als Herausgeber diverser Game-Studies-Sammelbände ist er immer wieder umtriebig, spielt immer wieder Basketball und praktiziert freudvoll Krav Maga. Liebt Stanislaw Lem, Comics und satte B-Medien. Wird nervös, wenn er seinen Status in sozialen Netzwerken nicht zu jeder 30. Minute ändert. Trägt gerne Bart.

Kommentare

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Florian 20. Januar 2017 um 08:36 20.01.2017 - 08:36

Atmosphärisch ein sehr gelungenes Spiel. Empfehlenswert für diejenigen, die gerne mal etwas „Anderes“ ausprobieren möchten! Hier geht es in erster Linie nicht um Bombast – Grafik, sondern um die Spieltiefe & Atmosphäre und die ist den Entwicklern hierbei gut gelungen! mfg Flo

Michael 20. Januar 2017 um 08:32 20.01.2017 - 08:32

Hi,

an sich ein sehr interessantes Spielkonzept! Es sollte viel mehr solche Indie – Games geben! LG

Monkey 29. Dezember 2016 um 16:15 29.12.2016 - 16:15

Habe es mir jetzt im Wintersale gekauft und kann es nur empfehlen. Ist echt ein Abenteuer. Sollte man am besten alleine Abends mit Kopfhörern spielen und sich dann schön von der Atmosphäre einsaugen lassen.

Yilmaz 5. November 2016 um 15:52 05.11.2016 - 15:52

Das mein ich auch, nur zu empfehlen! Wer auf farbenfrohe Grafiken und atmosphärischen Situationen steht, ist hier genau richtig! Tolles Spiel! Ich bekam meinen 1. Walkman mit 13 im Jahr 1980, als Bücherwerbeprämie, ich war so hin und weg!

xFraQz 21. August 2016 um 03:37 21.08.2016 - 03:37

Es ist einfach ein so tolles und schönes Spiel, welches einen irgendwie auch berührt.
Leider habe ich es nicht gespielt, sondern nur in einem Let’s Play gesehen. Dennoch war es einfach unglaublich toll!
Nur zu empfehlen 🙂