No Need. For Speed.
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Das Erste, was ich mache? Ich gehe in die Spiel-Einstellungen. Zwei, drei Blicke genügen, um zunächst in den Audioeinstellungen die Hintergrundsongs und anschließend in den Interface-Settings alles abzustellen, was eine möglichst große Sichtfläche auf das Spiel versperrt, also in etwa die kleine Karte links unten, die die vielen, kleinen Tasks und To-Dos vorgibt. Weg mit Dir, mein Freund. Das wäre also geschafft: Tief durchatmen. So schmeckt digitale Freiheit. Dann beginne ich die Fahrerperspektiven so lange durchzuschalten, bis ich schließlich fast auf Augenhöhe mit dem Asphalt angekommen bin. Langsam gebe ich Gas.

Das Auto bin ich. Und ich das Auto. #Driver

Das Auto ist derart hoch getunt, dass jedes Antippen des virtuellen Gaspedals das Pad vibrieren und die Boxen derben Sound sprudeln lässt. Die Straßen von Need for Speed sind ruhig. Hin und wieder ziehen Autos vorbei, Kleinlaster, Trucks; da taucht plötzlich aus dem Nichts diese Tankstelle vor mir auf. Die hell leuchtenden Lichter der Anzeigen und Reklametafeln werden tausendfach in den großen Regenpfützen gespiegelt, während ich unendlich langsam auf die erste Tanksäule zurolle. Schließlich stoße ich dort sanft auf – no need. To break.

Menschen sind nicht unterwegs. Keine Kunden. Keine hastigen letzten Mitternachtseinkäufe. Die Schwärze der Nacht umschließt diese Straßen. Straßenlaternen und Autolichter geben ihnen Struktur zurück. Plötzlich rammt mich ein Fahrzeug. Welcher verirrte Geist mag das sein? Wer fährt zur nächtlichsten Stunde derart zielgerichtet in meinen Mustang? Ein Mustang, bei dem ich mit nicht sicher war, ob Felix Rick nicht auch so einen fährt. Aber das habe ich nicht nachgesehen. Klar, hätte ich. Das Browserfenster ist schließlich offen, im sonst abgedunkelten Zimmer ist das MacBook neben dem TV die einzige Lichtquelle. Ich schließe es. Zurück zum Fahrer des BMW.

Fahren neu erleben. Und stehen.

Der rasierte Schädel des Fahrers verspottet mich durch seine Passivität. Nach etwa dreißig Sekunden gelingt ihm ein fantastischer Trick. Er löst sich in Luft auf. Ich bin nicht sicher, ob mich Peter Just nicht die nächsten fünf Jahre aufziehen wird, wenn ich nun schreibe, dass ich gerne ausgestiegen wäre und mich mit ihm unterhalten hätte. Was machen Sie beruflich? So spät unterwegs? Sind Sie Fan der Warriors oder Celtics? Gone.

Ich setze einige Meter zurück, meine Frontscheinwerfer beleuchten erneut die Tankstelle in ihrer schlichten Schönheit und Strahlkraft. Und ganz leise kann man den Regen hören. Er prasselt auf das Autodach und die Motorhaube. Die Scheiben bekommen jede Menge Tropfen ab, beschlagen aber nicht. Habe ich etwa die Lüftung nicht angeworfen, um im tröstenden Warmen zu sitzen? Das wundert mich. Was würde besser zusammen passen als leiser Bar Jazz und wohlige Wonne im Wageninneren? No Need. For Speed.

Über Rudolf Inderst

Geboren 1978 in München, studierte Poltikwissenschaften in München und Kopenhagen. 2009 schloss er seine Promotion zur „Vergemeinschaftung in MMORPGs“ in Amerikanischer Kulturgeschichte ab. Als freier Autor schreibt er für unterschiedliche Portale und Publikationen zu den Themen digitales Spiel und Film. Auch als Herausgeber diverser Game-Studies-Sammelbände ist er immer wieder umtriebig, spielt immer wieder Basketball und praktiziert freudvoll Krav Maga. Liebt Stanislaw Lem, Comics und satte B-Medien. Wird nervös, wenn er seinen Status in sozialen Netzwerken nicht zu jeder 30. Minute ändert. Trägt gerne Bart.

Kommentare

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oldboy 26. November 2015 um 11:38 26.11.2015 - 11:38

Schön geschrieben. Fast murakamiesk. Komme. Bestimmt. Mal. Wieder. Vorbei.