Symphony of the Goddesses

Symphony of the Goddesses

von am 09.11.2015 - 12:00
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Wenn mich meine Kollegen oder Freunde fragen, auf welches Konzert ich gehe, muss ich immer wieder erklären, was denn zum Beispiel ein Ziltoid ist und warum ich mir das ansehen will. Das ist beim The Legend of Zelda-Konzert Symphony of the Goddesses nicht der Fall: „Oh, klar. Nintendo. Kenn‘ ich.“

Zelda ist Mainstream – und dann doch nicht wieder ganz. Die Barclaycard-Arena in Hamburg ist weit davon entfernt, ausverkauft zu sein, und die leeren Ränge irritieren mich ein wenig. Doch wer da ist, scheint auch abseits der obligatorischen Cosplay-Gestalten ein riesiger Fan zu sein. Menschen aus allen Altersgruppen sammeln StreetPass-Freunde auf ihrem 3DS und tragen lange, grüne Mützen und T-Shirts mit Motiven aus ihren Lieblings-Titeln; ein paar wenige tragen sogar Anzug und Kleid, wie man es von einem Orchester-Konzert erwartet. Ich sitze in der dreizehnten Reihe und habe einen freien Blick auf die Bühne.

Dann geht’s los, etwa zehn Minuten nach sieben. Das Orchester kommt auf die Bühne und beginnt zu spielen, während auf einer riesigen Leinwand hinter den Musikern Ausschnitte aus den jeweiligen Spielen laufen. Von den ersten Tönen an bin ich wieder ein kleiner Junge, der mit dem Familien-GameBoy und einem Pack Ersatzbatterien nach einem Wettkampf auf dem Sportplatz sitzt und versucht, den Windfisch zu wecken – obwohl Link’s Awakening an diesem Abend nicht im Programm ist.

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Was folgt, sind Melodien aus über 25 Jahren Zelda-Geschichte, wenngleich der älteste Titel an diesem Abend A Link to the Past ist. Zwischendurch führen Shigeru Miyamoto, Eiji Aonuma und Koji Kondo per Video-Einspieler durch das Programm. Der Schwerpunkt liegt dabei in erster Linie auf vier großen Stücken, die jeweils verschiedene Themen aus Ocarina of Time, Twilight Princess, The Wind Waker und A Link to the Past aufbereiten. In kleineren Segmenten zeigt das Orchester aber auch Majora’s Mask, und einer meiner Favoriten – Dragon Roost Island aus The Wind Waker – erhält sogar ein eigenes, kleines Segment kurz vor dem Finale.

Obwohl mein Lieblingsspiel fehlt (Link’s Awakening) und das Konzert schon um kurz nach halb zehn vorbei ist, bin ich am Ende zufrieden. Das liegt nicht nur an der Klasse des Orchesters und der Energie der Dirigentin Amy Andersson, die sich vor dem Wind Waker-Movement zum Publikum umdreht, lächelt und einen Taktstock zeigt, der dem aus dem Spiel nachempfunden ist – ein nettes Detail, aber die Gründe, warum mir der Abend so gut gefällt, reichen etwas tiefer.

Das Orchester schafft es an diesem Abend, den mythologisch-philosophischen Kern der Reihe über die Spiele hinwegzuheben. The Legend of Zelda mag eine simple Geschichte sein, aber das ist nicht unbedingt eine Schwäche: Wir leben in einer Zeit, in der selbst die einst bunten Abenteuer eines Superagenten einem grauen, kalten Zynismus weichen mussten. Und in der ehemals “heilen” Spieleszene ziehen Publisher-Bullshit und Gamergate lange Schatten. Die Welten von The Legend of Zelda mögen sich im Vergleich zwar klar und sauber in „gut“ und „böse“ aufteilen, aber immerhin sind es Welten, in denen Werte wie Mut, Fleiß und Weisheit noch eine Bedeutung haben, ohne, dass wir sie hinterfragen müssen. Das mag weit fernab der echten Welt sein, aber wenn die echte Welt immer tiefer in die eskapistischen Welten von heute kriecht, dann bin ich froh, dass wir keinen Link mit – ohmeingottwiekomplex! – einer dunklen Vergangenheit spielen müssen.

In anderen Worten: Wenn die Pauken ausklingen und eine einzelne Querflöte Zelda’s Wiegenlied anstimmt, dann spüre ich genau das: Die Welt ist dunkel, böse und feindselig, aber mit Mut, Kraft und Weisheit können wir in ihr bestehen. Vielleicht, mag der eine sagen, weil irgendwer über uns wacht und die Tapferen und „Guten“ belohnt, vielleicht aber eher, weil wir nur an unsere eigenen Fähigkeiten glauben oder nur die richtige Hilfe zur richtigen Zeit nutzen müssen, so kitschig das auch klingt.

Das Konzert endet schließlich mit einem Stück aus Skyward Sword – einem Spiel, in dem Nintendo versuchte, die Erzählung in den Vordergrund zu stellen und (nicht nur damit!) gehörig daneben griff. Doch das ist egal, denn die Ballad of the Goddess gehört zu einem der besten Stücke aus dem ganzen Zelda-Kosmos, voller unbeschwertem, zeitlosen Abenteuer. Mir kommen an diesem Abend mehrfach die Tränen, und ich bin froh, für einen Abend Abstand von der Dunkelheit der Welt nehmen zu dürfen. Wird vielleicht doch etwas schwer, das meinen Kollegen zu erklären.

Über Christoph Volbers

Christoph hat viel zu viele Töpfe am Kochen: Er ist der Kopf hinter dem Science Fiction-Metal-Projekt Xenogramm und schreibt an seinem eigenen Roman. Gleichzeitig studiert er Englisch und Geschichte im schönen Bremen (nicht lachen!). Da er jedoch nicht immer vor dem Bildschirm hocken kann, geht er arbeiten – und zwar in einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen. Wenn er sich davon erholen will, dann kocht er, oder er geht laufen, oder er sieht sich Filme und Serien an.

Oh, und offenbar schreibt er auch für krautgaming. Wie konnte ich das nur übersehen?

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