Im Verlies der Endlosen

Im Verlies der Endlosen

von am 17.09.2015 - 12:00
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Sara weiß nicht, was hinter der nächsten Tür liegt, aber es wird kein Tageslicht sein. Es ist niemals Tageslicht. Im schlimmsten Fall warten Klauen, Zähne, Klingen und Tentakel auf sie, im besten ein altes Artefakt der Endlosen und künstliches Licht. Doch an den Ausgang glaubt sie nicht mehr. Die Aufzüge, die sie finden, tragen sie immer wieder in ein höheres Stockwerk – doch wer weiß schon, wie tief unter der Erde die Rettungskapsel lag, als sie in ihr aufwachte.

Sie streckt sich, dehnt ihre langen Beine und greift ihr Schwert. Im Raum hinter ihr klopft ein Schraubenschlüssel auf einen Metallsockel. Zwischen den Schlägen hustet jemand. Sara verdreht die Augen.

„Bist du dir sicher, dass du das richtig machst?“, ruft sie und geht in den anderen Raum. „Es klingt nicht, als würdest du’s richtig machen.“

Bleiche Lichter brennen von den Wänden, und ein dünner, blauer Nebel wabert in der Luft – manchmal hat Sara Angst, zu tief Luft zu holen. Niemand weiß, welche Gifte im Nebel schweben, und Rakya ist es egal. Sie steht vor einem Generator, in der einen Hand einen Schraubenschlüssel, in der anderen eine Zigarette – ihre Lungen sind schon lange im Eimer.

„Klar mach ich’s richtig“, krächzt sie. „Oder willst du?“

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Sara blickt auf den Generator. Eine verdreckte Metallklappe an seinem Fuß ist offen, und ein dutzend loser Kabelenden ragt heraus. Nein, das will sie nicht. Außerdem arbeitet der Generator besser, wenn Rakya ihn bedient – was auch immer sie mit ihm anstellt.

„Solltest du nicht die nächste Tür öffnen?“, fragt sie und nimmt einen weiteren Zug von ihrer Zigarette. „Wird Zeit, dass wir den Ausgang finden. Kippen werden knapp.“

„Du arme“, brummt Sara. „Elise und Nanor sind auf Position?“

„Der Dicke und Boom Boom?“

Sara verdreht die Augen. „Wen soll ich denn sonst meinen?“, zischt sie. „Hast du noch einen anderen Nanor und/oder Elise gesehen?“

Rakya hustet und blickt zu Boden. Nein, natürlich nicht. Nanor bewacht einen Gang im Süden, Elise einen im Westen. Aus den verlassenen, dunklen Laborräumen im Süden kriechen immer wieder neue Monster hervor, und Sara hat das Gefühl, dass es immer mehr werden, je mehr Türen sie öffnet. Beim letzten Mal hatten sie es bis zum Kristall geschafft, und das darf einfach nicht sein – denn der Kristall ist die einzige Lichtquelle hier unten. Er versorgt die Räume mit Strom und Wärme, wenn er genug Dust erhält – und der ist hier unten rar.

„Das alles wäre einfacher“, murmelt Rakya, „wenn wir wüssten, wie wir die Türen wieder verriegeln können.“

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Sara nickt. Beim letzten Angriff verlor der Kristall die Hälfte seiner Energie. Jetzt sind noch mehr Räume dunkel – auch die, in denen sie Waffen aufgestellt hatten.

„Schaffst du es, die Waffen in den südwestlichen Räumen wieder abzumontieren und hier oben anzubringen?“, fragt Sara. Rakya lacht. Oder hustet – Sara kann es nicht wirklich erkennen.

„Und mich dabei fressen lassen?“, keucht sie. „Schätzchen, die Räume sind dunkel. Selbst wenn ich mit Taschenlampe arbeiten könnte, habe ich nicht genug Zeit. Wir brauchen Saft in dem Raum, ansonsten sind die Dinger verloren.“

Sara nickt. Energie ist das Hauptproblem hier unten, wenn man von dem absieht, was im Dunkeln lauert. Auf manchen Ebenen gibt es so gut wie keinen Dust, auf manchen Ebenen so viel, dass sie alle Räume ausleuchten können.

„Wir haben schon Schlimmeres überstanden“, sagt Sara schließlich und zieht ihr Schwert über den Boden. „Ich habe eine Idee – du montierst hier ein paar Neurostunner, dann gehst du runter zu Elise. Nanor schafft es da unten selber. Und ich hier oben auch.“

„Warum zu Elise?“, hustet Rakya. „Die wartet doch nur darauf, mit mir allein zu sein.“

„Die will genauso hier raus wie du“, entgegnet Sara. Rakya zieht einen letzten Zug an ihrer Zigarette, dann wirft sie den Stummel weg, zückt eine neue und zündet sie an. „Und ich brauche eure Feuerkraft da unten. Im Westen kommen die größten Brocken.“

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„Ich kann nur hoffen, dass du Recht hast“, knurrt sie. Sara läuft in den nächsten Raum und stellt sich vor die Tür. Hinter ihr schraubt Rakya, hustet, hämmert, keucht, bohrt, hustet. Dann greift sie ihr Gewehr – Sara kann hören, wie sie es sich umschnallt und den Raum verlässt.

Sie wartet ein paar Minuten, bis Rakya auf Position ist. Zumindest schätzt sie es – Zeit verschwindet hier unten, vergeht schneller, als sie denken möchte. So wie der Dust ist auch die Zeit knapp, und sie muss sich auf ihren festen Herzschlag verlassen. Es klopft, und jeder Muskel in ihrem Körper will, dass sie die nächste Tür verschlossen lässt.

Sara atmet tief ein und drückt ihre flache Hand an die Tür.

Vor ihr steigt Staub auf, ein gelber Nebel, das Vermächtnis der Endlosen. Dust. Genug für einen Raum. Saras Herz hüpft, und noch während sich die Tür träge zur Seite schiebt, rennt sie durch Gänge und Räume in Richtung Kristall.

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„Rakya“, ruft sie. „Rakya! Leite sofort Energie in den südwestlichen Raum! Wir haben Dust gefunden!“

Nur wenige Sekunden später klingen Schüsse aus einem der südlichen Räume, dazu Feuer und die Schreie fehlgeschlagener Laborexperimente, die sich in den Tunneln zwischen den Ebenen vermehren. Sara stoppt ihren Lauf und dreht sich um – ein Problem weniger. Nun kann sie den Raum erkunden, den sie eben geöffnet hatte. Es hat funktioniert.

Als sie in den dunklen, neuen Raum rennt, hört sie aus der Ferne Rakyas Stimme, dann nur noch den Donner ferner Maschinengewehre. Sara verdreht die Augen und will umkehren, doch im Dunkeln sieht sie etwas leuchten: Der Raum stand nicht nur voller Dust. An seiner Nordwand hängt außerdem der Knopf für den Aufzug.

„Ich hab den Aufzug gefunden!“, ruft sie und rennt den Gang hinab. Jetzt müssen sie nur noch den Kristall zum Aufzug tragen. „Ich hab‘ den Aufzug gefunden! Rakya! Nanor! Elise!“

Sie hört nur das Trommeln der Gewehre und einen Chor, der aus den Hälsen sterbender Monster kreischt. Rakya und Elise halten ihre Position.

Sara erreicht den Kristallraum – in seiner Mitte schwebt ein gelber, leuchtender Stein mit acht Seiten. Von hier aus kann sie in den Gang sehen, in dem Nanor steht – oder zumindest stehen sollte. Doch Nanor steht nicht mehr. Der Raum ist dunkel, und in der Schwärze kann Sara hunderte Augen und blitzende Zähne sehen. Zwischen ihnen liegt der Schatten eines kleinen, grauen Hügels – Nanor liegt mit dem Bauch nach oben. Er muss tot sein.

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„Rakya! Elise! Ich brauche Hilfe!“, schreit sie. Ein Schwarm aus Tentakeln jagt in den Raum herein – sie wachsen aus der Schulter einer Kreatur heraus, die fauchend nach Sara greifen will. Sara schwingt ihr Schwert und schneidet ein paar der Greifarme aus der Luft, dann trennt sie den Kopf des Monsters von seinem Körper. Hinter ihm tauchen weitere Augen im Dunkeln auf, und sie sieht Zähne und Krallen blitzen.

„Rakya! Elise! Kristallraum! Jetzt!“, schreit Sara. Ihr Herz klopft. Sie hört Schritte, die in den Raum laufen. Schreie tönen aus allen Richtungen. Nur nicht aus dem Norden. Der Aufzug muss frei sein.

Eine riesige Schlange steckt ihren Kopf in den Raum. Hinter ihre tanzen blaue Kristalle durch die Luft. Sara stellt sich vor den Kristall. Rakya und Elise tauchen nicht mehr auf. Sie müssen tot sein, trotz ihrer Gewehre, trotz Elises Kampfanzug. Welche Chance sollte sie jetzt noch haben?

Hinter ihrem Rücken zerbricht der Kristall, als ein Monster auf ihn einschlägt. Sofort verschwindet sämtliches Licht. Sara schlägt wild mit ihrem Schwert durch die Dunkelheit, dann haut sie gegen eine Wand. Etwas schlägt auf ihren Rücken und wirft sie auf den Boden. Sie hatte es gewusst – hinter der nächsten Tür hatte kein Tageslicht auf sie gewartet.

Dungeon of the Endless

von am 17.09.2015

Ein paar Häftlinge, eine Rettungskapsel und der mühsame Aufstieg an die Oberfläche – Dungeon of the Endless ist ein verrückter Mix aus Rundenstrategie, Tower Defense, Dungeon Crawler, Science Fiction und Fantasy. Auch nach 16 Stunden habe ich noch nicht den Ausgang gefunden, aber ich versuche es immer wieder – und irgendwann überlebt Sara es dann auch.

Über Christoph Volbers

Christoph hat viel zu viele Töpfe am Kochen: Er ist der Kopf hinter dem Science Fiction-Metal-Projekt Xenogramm und schreibt an seinem eigenen Roman. Gleichzeitig studiert er Englisch und Geschichte im schönen Bremen (nicht lachen!). Da er jedoch nicht immer vor dem Bildschirm hocken kann, geht er arbeiten – und zwar in einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen. Wenn er sich davon erholen will, dann kocht er, oder er geht laufen, oder er sieht sich Filme und Serien an.

Oh, und offenbar schreibt er auch für krautgaming. Wie konnte ich das nur übersehen?

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