Evoland 2: Ein kleiner Schritt nach vorne

Evoland 2: Ein kleiner Schritt nach vorne

von am 08.09.2015 - 14:00
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Seit Stunden sitze ich am Rechner, und seit Stunden fällt mir nicht ein, was ich schreiben soll. Ich finde, dass Evoland 2: A Slight Case of Spacetime Continuum Disorder deutlich besser ist als der erste Teil; doch das war’s dann auch. Denn Evoland 2 verwendet Spielmechaniken und Anspielungen so, wie ich Texte schreibe: Fragmentiert und ohne tiefere Bedeutung, und da fällt es schwer, mehr als nur „Jopp, ist nett“ zu schreiben.

Vor knapp zwei Jahren schrieb ich eine Kritik zu Evoland, einer Parodie auf Rollenspiele. Spoiler Alert: Ich mochte das Spiel nicht, was vor allem daran lag, dass Evoland außer einem grafischen Gimmick und ein paar abgestandenen Videospiel-Referenzen nicht viel vorzuweisen hat. Der Nachfolger bindet das Gimmick nun jedoch als zentrales Element in seinen Narrativ ein und beseitigt damit eins der größten Probleme, die ich mit Evoland hatte: Die 8-Bit, 16-Bit und 3D-Grafikwelten sind nun nicht mehr reiner Schmuck, sondern eigene Zeitalter in der Geschichte des Spiels.

Ein paar Helden, ein paar Zeitsprünge

Die Geschichte ist nicht neu, aber ohne viel Ballast erzählt und – im Gegensatz zum Vorgänger – immerhin vorhanden. Ein namenloser Held wacht in einem fremden Bett auf. Eine junge Frau hat ihn gefunden, und zusammen wollen sie herausfinden, woher er kommt und wer er ist. Lonk und Spatula heißen die beiden meiner Version, da in meinem haarigen Körper der Geist eines 13-Jährigen wohnt und man mir unter keinen Umständen die Möglichkeit geben darf, die Namen meiner Helden frei zu wählen.

Lnk, tihs as afwul

Auf ihrer Suche finden die beiden einen sogenannten Magilithen, eine Steinsäule mit rätselhaften Kräften – und diese teleportiert die beiden in die Vergangenheit. Von nun an suchen Lonk und Spatula nach einem Weg, in ihre Zeit zurückzukehren, stolpern jedoch in einen Konflikt zwischen Menschen und Dämonen. In einer Arena schließt sich ihnen ein Dämon an (Pimp nenne ich ihn), etwas später dann eine Wissenschaftlerin mit Brille, die ich Dimp nenne, weil mir die Ideen ausgehen.

Letztendlich läuft es darauf hinaus, eine Katastrophe zu verhindern – wie immer. Ich bin mir nicht sicher, ob das den 08/15-Plot parodieren soll, den das Genre immer und immer wieder durchkaut; denn dafür müsste das Spiel die eigene Geschichte konsequenter durch den Kakao ziehen. Kritisch gibt sich Evoland 2 jedoch nur selten: In einem verlassenen Labor kämpfen Lonk, Spatula und Dimp zum Beispiel mit rostigen Wachrobotern und alten Sicherheitscomputern. Dabei finden die Kämpfe auf eine Weise statt, die an Chrono Trigger erinnert. Lonks Begleiterin Dimp fragt, ob das denn nicht Spaß mache. Ich verneine, und sie antwortet: „Das ist das Schwierige an diesen Systemen – man weiß nie, wie gut sie altern.“

IM ON A BOAT

Schwammige Parodie

Ich wünsche mir mehr dieser Dialogzeilen, da sie kritisch auf den Stand und die Systeme des Genres eingehen, gleichzeitig aber auch in den Kontext der eigenen Geschichte passen. Kurz: Ich wünsche mir mehr Stanley Parable und weniger etwas, das wie Scary Movie 17 klingt. Stattdessen begegnen mir Witze wie: „Hast du einen grün gekleideten Jungen gesehen? Der hat hier alle Töpfe zerschlagen.“ Während einer Schleich-Passage versteckt sich Lonk selbstverständlich unter einem Pappkarton, und in einer dunklen Höhle steht eine Abenteurerin namens Carla Loft.

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Ich frage mich, warum das sein muss. Das gilt auch für die Minispiele und Ausflüge in andere Genres: So hüpfen Lonk und seine Begleiter etwa in Seitenansicht durch die Kanalisation und Höhlen, nur um die Fähigeit zum Sprung wieder zu verlieren, sobald die Perspektive wieder in die klassische Rollenspiel-Sicht wechselt. Einen der Bosskämpfe erledigen wir wie in Street Fighter, und vorher fliegen wir durch eine Bullet Hell, die einfach nicht aufhören will. Evoland 2 sagt dabei nichts witziges oder cleveres übere diese Spielmechaniken, sondern reproduziert sie nur – manch einem reicht das, mir jedoch nicht.

Dabei findet das Spiel immer wieder gute Ansätze, folgt diesen dann aber nicht: So müssen wir in einer Stadt für unser Geld arbeiten – und zwar als Kellner, als Kindergärtner und als Butler und/oder Kindermädchen. Dahinter verstecken sich kleine Minispiele, und zumindest das Kellner-Spiel ist relativ schwer. Am Ende des Tages kriegen wir unseren Lohn, es wird dunkel, und es wäre die perfekte Möglichkeit, etwas über das moderne Arbeitsleben zu sagen – indem das Spiel zum Beispiel die Kosten für Unterkunft und Verpflegung vom Lohn abzieht. Doch das tut Evoland 2 nicht. Stattdessen gibt’s eine kostenlose Unterkunft im Inn. Schade – beinahe hätte das Spiel einen doppeldeutigen, kritischen Kommentar auf die heutige Arbeitswelt und das Genre-Klischee geliefert, nach welchem Rollenspiel-Helden immer genug Geld besitzen und niemals einer echten Arbeit nachgehen müssen.

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Und das ist ein Thema, auf das ich immer wieder stoße – die verpasste Chance. Ich frage mich, warum der Entwickler nicht konsequent in seiner Parodie ist. Ein weiteres Beispiel dafür ist eine verlassene Mine, in der wir nicht mit Schwert, sondern mit Bomben unterwegs sind. Die müssen wir auch im Bosskampf einsetzen. Mitten im Kampf fragt der Boss dann, ob wir ihm seine Bomben zurückgeben können. Ich verneine, das spielt aber keine Rolle, denn er holt sie sich einfach. Wie witzig wäre es gewesen, wenn das Spiel – anders als manch anderer Titel – diese Entscheidung einfach respektiert hätte.

Luft nach oben

In manchen Segmenten des Spiels konnte ich all meine Kritikpunkte am Spiel vergessen und hatte tatsächlich Spaß daran, Monster zu schnetzeln und Rätsel zu lösen. Die Art, in der Lonk sein Schwert schwingt, erinnert mich angenehm an den Zelda-Klassiker Link’s Awakening – und das hätte gereicht. In anderen Worten: Evoland 2 braucht keine halbgaren Kartenspiele, Shoot’em Up-Passagen oder Chrono Trigger-Kämpfe, um als Spiel bestehen zu können. Die vielen Referenzen stören die Geschichte, die das Spiel erzählen will, und sie stören den Spielfluss, wenn ich mich plötzlich durch ein Shoot’em Up ballern muss, das gefühlte vier Stunden dauert.

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Letztendlich verhindert dies, dass das Spiel eine eigene Identität entwickeln kann. Und dann kommt noch ein persönlicher Kritikpunkt dazu: Es trifft meinen Humor absolut nicht. Dafür kann das Spiel nichts. Aber wenn Evoland 2 eine Parodie sein soll, dann ist es nicht bissig genug, und wenn es keine Parodie ist, sehe ich keinen Grund, es zu empfehlen. Dazu muss ich jedoch anmerken, dass ich mit einem überkritischem Maß messe. Ich lasse Spielen nicht viel durchgehen, wenn sie witzig sein wollen – da müssen die Witze gut und clever sein, da muss dann jede Pointe sitzen. Spieler mit anderen Ansprüchen mögen vielleicht eine andere Sicht auf Evoland 2 haben, und das ist in Ordnung – denn wer sich über Anspielungen freut, gerne Action-Rollenspiele spielt und leichtfüßige Geschichten mag, der kann seinen Spaß mit dem Spiel haben.

Evoland 2: A Slight Case of Spacetime Continuum Disorder

von am 08.09.2015

Wer’s mag – auf jeden Fall besser als der erste Teil.

Über Christoph Volbers

Christoph hat viel zu viele Töpfe am Kochen: Er ist der Kopf hinter dem Science Fiction-Metal-Projekt Xenogramm und schreibt an seinem eigenen Roman. Gleichzeitig studiert er Englisch und Geschichte im schönen Bremen (nicht lachen!). Da er jedoch nicht immer vor dem Bildschirm hocken kann, geht er arbeiten – und zwar in einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen. Wenn er sich davon erholen will, dann kocht er, oder er geht laufen, oder er sieht sich Filme und Serien an.

Oh, und offenbar schreibt er auch für krautgaming. Wie konnte ich das nur übersehen?

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