Rocket League: Fußball für Alle

Rocket League: Fußball für Alle

von am 18.09.2015 - 12:05
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Fußball ist angeblich wie Schach ohne Würfel, und Rocket League ist wie Fußball mit ferngesteuerten Autos und Raketentriebwerken. Und das ist anscheinend das Rezept für einen echten Überraschungshit.

Rocket League dürfte mich eigentlich nicht interessieren: Fußball ist abseits großer Spiele nicht relevant in meinem Leben, und über Autos muss ich gar nicht erst reden – ich habe noch nicht einmal einen Führerschein gemacht (wozu auch? Ich lebe in der Stadt). Die Wahrheit ist: Wenn Rocket League nicht im Gratis-Korb von Playstation Plus gelegen hätte, hätte ich das Spiel wahrscheinlich niemals ausprobiert.

In der Donnerkuppel

In Rocket League stehen sich zwei Teams aus jeweils einem bis vier ferngesteuerten Autos gegenüber, und wie beim großen Vorbild versuchen sie, den Ball ins Tor des Gegners zu knüppeln. Das ist einfach, wenn man Beine und Füße hat, schwieriger, wenn ein Auto ohne bewegliche Gliedmaßen den Job übernehmen soll. Zum Glück sind die Wagen jedoch nicht ganz hilflos: Auf Knopfdruck können sie springen, um den Ball in der Luft abzufangen – wie beim Kopfball. Außerdem können sie auf Befehl den Raketenantrieb der kleinen Flitzer zünden – mit dem können sie dann schnell zur anderen Seite des Spielfeldes sprinten. Dabei verbrauchen sie jedoch Treibstoff, den sie wieder auffüllen, indem sie bestimme Punkte auf dem Feld überfahren.

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Das ist auch schon alles, was wir wissen müssen: Zwei Tasten für Gas und Bremse, einer zum Hüpfen, und einer für den Boost. Dann kann das Chaos beginnen: Zwischen zwei und acht der Miniwagen rasen nach dem Anpfiff auf den Ball zu, und der glückliche erste Fahrer bolzt ihn in die Luft. Der Ball kann dabei das Spielfeld nicht verlassen, denn das Match findet in einer Art Käfig statt. Ecken und Kanten des Käfigs sind rund, damit Ball und Spieler nicht stecken bleiben können – stattdessen lenkt der Rand des Feldes die Autos in die Kurve oder aber die Wände hinauf, damit wir so selten wie möglich zum Stillstand kommen. Mit der Physik nimmt es Rocket League dabei nicht zu genau, aber dafür gibt es ja die „Rule of cool“: Solange es Spaß macht und gut aussieht, brauchen wir uns um die Grenzen realer Physik nicht zu kümmern.

Es ist schwer, den Ball mit einem Auto ins Tor zu befördern – wenn dann noch bis zu sieben weitere Autos ins eigene Heck brettern, ist es beinahe unmöglich. Kontrollierte Pässe und Torschüsse existieren, so scheint es, nur in den Träumen der Fahrer, wenngleich es mittlerweile schon einige Profis gibt, die sehr brillante Manöver fahren und/oder fliegen. Kurz: In Rocket League regiert nicht irgendeine Statistik, sondern die Spielphysik, und das Können der Fahrer.

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Fußball, wie er sein sollte

So seltsam es auch ist: Ein Spiel, in dem Raketenautos einen Ball in einer Donnerkuppel jagen, ist näher an meinen Fußballerfahrungen als FIFA oder PES. Denn während die beiden Spiele das Erlebnis der Fußball-Live-Übertragung simulieren, setzt Rocket League mich direkt auf den Platz. In Rocket League bin ich Spieler, kein Trainer, Manager oder Zuschauer – ich bolze mit.

Doch nicht nur deshalb fühlt es sich so an, als ob Rocket League näher am Fußball stünde als die offiziellen Fußballspiele. Fußball ist wahrscheinlich eines der zugänglichsten Spiele auf diesem Planeten – so gut wie jeder kann es mit einem Freund und einem Ball spielen und beliebig erweitern, wenn weitere Spieler dazu kommen. Auf Videospiele ist das schwer zu übertragen, und auf 3D-Spiele noch viel schwerer – es sei denn, man setzt es als Genre um, das sich seit vielen Jahren kaum noch verändert. Fußball und Rennspiel miteinander zu kombinieren ist ein seltener Geniestreich, da jeder Rennspiele versteht, der auch nur kurz bei einem Mario Kart-Spieler über die Schulter gesehen hat.

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Der Spieler verlässt niemals die Perspektive seines Wagens und versteht schnell, wie der Ball wahrscheinlich vom Wagen abprallen wird, wenn er in ihn hineinkracht – und das macht Rocket League zu einem Spiel, das einfach zu lernen, aber schwer zu meistern ist. Tatsächlich ziehen einige Spieler Tricks aus der Tasche, die kaum nachzumachen sind – und trotzdem kann auch ein ungeschickter Klotz wie ich das Spiel spielen und Spaß dabei haben.

Vom Bolzplatz ins Stadion

Auf Rasenplätzen sieht Rocket League am Besten aus – die Räder versinken fast zur Hälfte in einzelnen Grashalmen. Einige der Matches finden im Stadion statt, andere auf Bolzplätzen, und andere wieder in leeren Fabrikhallen. Zwar finden einige der Spiele bei Nacht oder bei Regen statt, doch insgesamt fehlt ein wenig Variation. da hilft es auch nicht, dass wir unser Fahrzeug gestalten können – ein fensterloser Van mit Kanada-Flagge an der Antenne macht auch nur ein paar Minuten lang Spaß, selbst dann, wenn Regenbögen aus seinem Auspuff schießen.

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Das simple Spielsystem macht es dabei schwer, länger als nur ein paar Matches „am Ball zu bleiben“ (für dieses Wortspiel werde ich mich nicht entschuldigen). Ob das eine Stärke oder eine Schwäche ist, muss aber jeder für sich entscheiden. Manch einer möchte für den Preis von 20 Euro auch zwanzig Stunden unterhalten werden – mir hingegen reicht es, alle paar Tage mal für zehn Minuten über den Bolzplatz zu rollen. Mit Raketenantrieb.

Rocket League

von am 18.09.2015

Ich mag weder Fußball, noch Autos, noch Sportspiele – doch Rocket League zieht mich immer wieder für ein paar schnelle Matches gegen die KI in seinen Bann. Aber wo ist denn da der Sport, wenn man sich nicht mit anderen Spielern misst: Wer möchte, kann mit mehreren Spielern am selben Bildschirm oder online Rad-kickern. Fußball – mit Autos. Jetzt habe ich alles gesehen.

 

Über Christoph Volbers

Christoph hat viel zu viele Töpfe am Kochen: Er ist der Kopf hinter dem Science Fiction-Metal-Projekt Xenogramm und schreibt an seinem eigenen Roman. Gleichzeitig studiert er Englisch und Geschichte im schönen Bremen (nicht lachen!). Da er jedoch nicht immer vor dem Bildschirm hocken kann, geht er arbeiten – und zwar in einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen. Wenn er sich davon erholen will, dann kocht er, oder er geht laufen, oder er sieht sich Filme und Serien an.

Oh, und offenbar schreibt er auch für krautgaming. Wie konnte ich das nur übersehen?

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