Warum Guitar Hero Live ein Rückschritt sein könnte

Warum Guitar Hero Live ein Rückschritt sein könnte

von am 22.04.2015 - 13:00
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Es ist eins der größten Probleme der Videospiel-Industrie: Immer wieder rufen wir die Leute zur Hilfe, die wir zu unserem persönlichen Nostradamus erklärt haben. Wir wollen immer wieder wissen, wie die Zukunft aussieht, welche Spiele erscheinen werden, ob sich die Konsole lohnt, für die wir Geld ausgeben, und ob Team Sonic jemals ein gutes Spiel entwickeln wird. Wir lieben es, über die Zukunft der Videospiele zu spekulieren und das zu extrapolieren, was wir aus Trailern wissen. In diesem Sinne: Hier sind etwa tausend Worte Meinungsmache über das neue Guitar Hero.

Doch zurück an den Anfang: Die Plastikgitarren sind zurück! Activision bringt eine neue Guitar Hero-Platte heraus, mit einem neune Controller, denn der alte war ein bisschen zu schwer für den kleinen Finger. Dieses Mal spielen wir jedoch nicht aus der dritten Perspektive und blicken auf die Bühne, auf der unser Gitarrist/Bassist/Drummer abrockt, sondern blicken ins Publikum, das voll echt und total real gefilmt wurde.

First Person-Hipster

In dieser Perspektive liegt eins der größten Probleme. Jeder von uns kennt wahrscheinlich die Szenen aus First Person-Spielen, in denen wir Momente aus der ersten Person erleben, aber keinerlei Kontrolle darüber haben, in welche Richtung unsere Figur blickt – das Spiel übernimmt dabei quasi die Kameraführung. Dabei ist der Sinn der First Person eigentlich der, dass der Spieler am Ort des Geschehens ist; und hey, anscheinend ist er das am Besten, wenn das Spiel die Kontrolle über die Kamera hat.

Wenn wir bisherigem Gameplay trauen dürfen, dann sind wir in Guitar Hero Live im Kopf eines Musikers gefangen. In vorherigen Spielen der Guitar Hero- oder Rock Band-Reihe konnte ich die Kamera zwar auch nicht bewegen, aber so weit ich mich erinnere, ging die Inszenierung damals eher in die Richtung eines Live-Mitschnitts und weniger einer „First Hand-Experience“.

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Aus dem Archiv: Ein sehr seltsamer Live-Mitschnitt.

Doch noch schlimmer als die Kameraeinstellung wiegt für mich die Inszenierung. Denn anscheinend beschränkt sich Guitar Hero Live nicht nur auf die Bühne, sondern stellt auch die letzte Minute im Backstage-Bereich dar. Im verlinkten Video marschiert die Band hinter der Bühne auf die Bühne. Ein Roadie mit besonders ernstem Gesicht hängt uns die Gitarre um. Und dann steht die Band vor dem großen Open Air, tausende von Menschen jubeln einer Bühne voller Hipster zu, die die Hits anderer Künstler nachspielen. Wahrscheinlich aus ironischer Wertschätzung.

Ich habe ein paar Probleme damit: Zuerst möchte ich in meiner Rockstar-Fantasie nicht mit ein paar affektierten Hipster-Nobodys auf der Bühne stehen. Zweitens interessiert mich das Publikum herzlich wenig – ich will sehen, was die Band macht, nicht, was Joe und Jane Everyman tun. Und nicht zuletzt frage ich mich, was es mit den ganzen superernsten Klischees auf sich hat: Die Band im Backstage, der Aufgang auf die Bühne, der „große Moment“ und OHMEINGOTTISTDASALLESWICHTIG. Wo ist der Fun? Wo sind solche Stories wie von The Police, deren Bandmitglieder sich angeblich vor dem Gig prügelten, einen super Auftritt spielten und dann wieder streitend im Backstage verschwanden?

Kreativer Ausdruck

Guitar Hero und Rock Band sind im Wesentlichen eins: Malen nach Zahlen, aber Musik. Und das ist in Ordnung. Denn so lernt man Instrumente. Der kreative Ausdruck kommt dann, wenn der Instrumentalist glaubt, sein Instrument zu beherrschen, oder vielleicht auch in der Art, in der er (oder sie) die geschriebene Musik interpretiert.

Die letzten beiden Aspekte fehlten bei Rock Band und Guitar Hero, doch die beiden Spiele fanden andere Wege, der Kreativität der Spieler Raum zu geben. Wir konnten unsere eigene Band zusammenstellen, und wichtiger: Unseren eigenen Avatar. Ich weiß nicht, wie es bei meinen drei Lesern aussieht, aber der eigene Avatar gab mir mehr Immersion, als es die Ich-Perspektive jemals geben könnte.

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Ebenfalls aus dem Archiv: Einer der Gründe, warum die 3D-Grafik den Realfilm-Aufnahmen überlegen ist.

Mit diesem Segment gewannen die bisherigen Plastikgitarren-Simulatoren immer einen Teil der künstlerischen Freitheit zurück, die sie im Gameplay opferten. Außerdem schufen die Spiele so ihre eigene Cartoon-Abbildung der realen Welt, in der das Gestik-, Mimik- und Kleidungs-Vokabular echter Rockstars fast zu einer liebevollen Parodie heranwuchs. Und irgendetwas erscheint mir daran ehrlicher, als einen Haufen Schauspieler für’s Rumhüpfen vor und auf der Bühne zu bezahlen.

Zurück in der FMV-Hölle

Letztes Jahr feierte die Full Motion Video-Technologie ihr Comeback, jene Technik, die in den 90ern als die Zukunft des Mediums gefeiert wurde. Tex Murphy und eines der witzigsten Spiele der letzten Jahre (Roundabout) brachten die Realismus-Versprechen der Sega Genesis-Ära mit einem Augenzwinkern ins HD-Zeitalter, und jetzt kommt der Gigant Activision und meint den Blödsinn tatsächlich ernst.

Es ist, als ob sich Geschichte wiederholen würde, doch in diesen Zeiten wirkt der Realismus-Anspruch um einiges zynischer als bevor. Wir besitzen heute Geräte, um programmiertechnische Meisterwerke mit mindestens dreißig Bildern pro Sekunde auf die Mattscheibe zu zaubern – und Activision möchte uns im Ernst wahrmachen, dass die Zukunft in vorher aufgenommenen Filmclips liegt, die je nach Reaktion des Publikums abgespielt werden.

Nicht aus dem Archiv: Ein paar Schauspieler, die ein Konzertpublikum darstellen wollen.

Nicht aus dem Archiv: Ein paar Schauspieler, die ein Konzertpublikum darstellen wollen.

Doch es geht noch zynischer. Die stark limitierte Erfahrung, auf die Guitar Hero Live offenbar abzielt, ist ein perfektes Abbild der heutigen Musikindustrie. Jeder Schritt und jede Bewegung ist vorher geplant. Das Publikum ist sauber (und sehr viel attraktiver als der durchschnittliche Konzertgänger… komm schon, Activision, wo ist der fette Schrank mit Kutte?), die Luft ist klar, der Sound ist rund und ohne Kanten, die im Ohr kratzen könnten. Die Band kommt auf eine Bühne, die groß genug für alle ist und von der wir praktisch essen könnten; und letztendlich ist es nur noch eine mechanische Übung, auf der Bühne zu stehen und die richtigen Tasten zur richtigen Zeit zu drücken. Wir haben noch nicht einmal mehr eine eigene Identität in Form eines selbstgestalteten Alter Egos, sondern spielen die Rolle, die uns das Spiel vorschreibt.

Voreiliges Vor-Fazit

Ich bin selber Musiker. Ein schlechter Musiker, aber ich mache mir auch keine Illusionen – mein Ziel war es niemals, auf Wacken aufzutreten, nicht einmal auf dem RockHarz, und noch nicht einmal auf dem Festival, das in meinem Heimatdorf statt findet. Ich wollte Musik schreiben, die mir gefällt.. Vielleicht bin ich damit die falsche Zielgruppe für Guitar Hero Live, das ausdrücklich eine Rockstar-Fantasie erfüllen will, die ich niemals wirklich hatte. Doch genau das ist der Punkt: Ich glaube, dass Guitar Hero Live noch nicht einmal eine gute Rockstar-Simulation ist. „Marionette der Musikindustrie“-Simulation erscheint mir da richtiger: Jede Bewegung ist geplant, jeder sagt dir, wie unheimlich wichtig du bist, und obwohl alles auf dich zentriert ist, hast du selber nicht mehr Handlungsmöglichkeiten als die richtigen Töne zu treffen oder eben nicht. Das war zwar auch in vorigen Titeln nicht anders, aber durch die abstraktere Darstellung ließen sich Rock Band und Guitar Hero auch als Parodie oder Hommage lesen. Nicht zuletzt waren es außerdem unsere Bands, die wir durch die Clubs führten – wir hatten sie oft selber erstellt und so eine Beziehung aufgebaut. Guitar Hero Live müsste eine Menge an herausragender Narration leisten, damit ich mich für die Dödel interessiere, die mit mir auf der Bühne stehe.

Ich kenne den Typen nicht, aber ich kann ihn jetzt schon nicht leiden. Gute Arbeit, Activision!

Ich kenne den Typen nicht, aber ich kann ihn jetzt schon nicht leiden. Gute Arbeit, Activision!

Dazu muss ich außerdem hinzufügen, dass ich auch Guitar Hero und Rock Band gehasst hatte, bis ich auf einer Party Hand an die Dinger legen konnte. Vielleicht besteht die Chance, dass Guitar Hero Live das auch schafft – immerhin habe ich mir nur ein paar Artikel durchgelesen und ein Gameplay-Video gesehen. Doch wie gesagt: Wir spekulieren und extrapolieren gerne, und so extrapoliere ich an dieser Stelle, dass ich Guitar Hero Live für einen Griff ins Klo halte.

Über Christoph Volbers

Christoph hat viel zu viele Töpfe am Kochen: Er ist der Kopf hinter dem Science Fiction-Metal-Projekt Xenogramm und schreibt an seinem eigenen Roman. Gleichzeitig studiert er Englisch und Geschichte im schönen Bremen (nicht lachen!). Da er jedoch nicht immer vor dem Bildschirm hocken kann, geht er arbeiten – und zwar in einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen. Wenn er sich davon erholen will, dann kocht er, oder er geht laufen, oder er sieht sich Filme und Serien an.

Oh, und offenbar schreibt er auch für krautgaming. Wie konnte ich das nur übersehen?

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