GC14: Mein erstes Mal mit Presse-Ausweis

GC14: Mein erstes Mal mit Presse-Ausweis

von am 18.08.2014 - 11:00
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“Im Intercity Bremen-Köln mach ich’s mir bequem…”, denke ich, als ich am Bahnhof in Bremen warte. Zu meinen Füßen stehen meine Sporttasche, die mich auf jeder meiner Reisen begleitet, eine Luftmatratze mit Motor für meine Unterkunft, und mein Laptop-Rucksack; der ist zwar erst ein Jahr alt, zerfällt oberhalb seiner Gurte jedoch bereits in viele kleine Fransen. Mein Zug hat Verspätung, und das macht mich nervös. Denn an diesem Tag macht mich alles nervös, weil ich das erste Mal als Blogger mit Presse-Wisch auf die gamescom fahre und keine Ahnung habe, was mich dort erwarten wird.

Dann rollt der Zug ein. Ich lese die Gamestar – das erste Mal seit Jahren, weil ich gehört habe, dass die wieder ganz gut sein soll (stimmt zum Teil sogar). Doch in den nächsten drei Stunden kann ich mich nicht konzentrieren und denke immer wieder an das, was ich in den nächsten Tagen machen soll: Mit Entwicklern sprechen, Termine einhalten, Hände schütteln, Visitenkarten tauschen, Englisch sprechen, ein Interview führen, Spiele unter Publisher-Aufsicht spielen, Previews schreiben. Ich ziehe American Gods von Neil Gaiman aus dem Rucksack, lese zwei Seiten und stecke es wieder weg. Wenn nicht einmal der Autor von Neverwhere mich ablenken kann, dann sehe ich lieber aus dem Fenster und hoffe auf ein kleines Zugunglück.

Skepsis

Es gibt Tage, an denen ich mich frage, warum ich überhaupt meine Zeit mit Spielen verschwende. Das sind die Tage, an denen ich morgens in meiner Unterhose vor dem PC sitze und Civilization 5 starte – und zwischendurch nur vom Rechner aufstehe, um bei Penny eine Tüte Chips zu kaufen (ebenfalls in meiner Unterhose). Bei jeder Runde, die im Spiel vergeht, denke ich an die Dinge, die ich nicht tue: Endlich Tornado of Souls lernen, endlich meinen Roman abschließen, endlich Neil Gaiman’s American Gods lesen. Meine Welt besteht aus halb fertigen Projekten, die ich nicht beende, weil ich lieber als König von Dänemark die Welt erobere.

Ich sehe auf die Landschaften und Bahnhöfe, die an mir vorbeifliegen. Eigentlich kreisen wichtigere Gedanken in meinem Kopf: Eine Woche keine Gitarre in den Pranken zu halten und keine Zeit, an der Prosa zu arbeiten – das ärgert mich, denn ich muss ein besserer Musiker werden und ich muss lernen, bessere Texte zu schreiben. Stattdessen sitze ich im Schnellzug nach Kölle.

Warum tust du dir diesen Blödsinn überhaupt an?

Epiphanie

Es ist Dienstag Abend. Ich habe Dejan, unseren Redaktions-Ösi, am Bahnhof getroffen. Zusammen warten wir auf die Pressekonferenz von Sony. In halber Dunkelheit trinken wir Kölsch, während Dejan andere Blogger und Presse anspricht. Netzwerken ist nicht mein Ding, doch es ist schön, endlich ein Gesicht hinter den Texten zu kennen. Und einige der Menschen sind verdammt nett.

Die Pressekonferenz macht dann auch tatsächlich Spaß. Vielleicht liegt es am Alkohol, denke ich, aber da ist noch etwas anderes: Ich bin das erste Mal in meinem Leben unter Menschen, die gerne über Spiele nachdenken, dazu schreiben und sprechen, auf einem Event, das nur an “Gamer” gerichtet ist. Plötzlich denke ich: Gaming is amazing.

In den nächsten Tagen vergesse ich fast den Zynismus, der seit etwa einem Jahr meine Artikel auf Krautgaming anfeuert. Schon bevor meine ersten Termine am Mittwoch beginnen, teste ich eins der letzten Echtzeit-Strategiespiele, weil ich später keine Zeit mehr dazu haben werde. Und dann vergehen die folgenden drei Tage wie im Flug, denn ich hetze nur noch zwischen den Hallen 4 und 5 im Business-Bereich hin- und her.

Paradox hat mir Schokolade geschenkt. Süß!

Paradox hat mir Schokolade geschenkt. Süß!

Bei Gameforge erzählt mir der Kopf hinter Hex: Shards of Fate von seinem Kartenspiel, das die komplexere Alternative zu Hearthstone sein kann, bevor ich zu EA gehe und mir Dragon Age: Inquisition ansehe. Danach kurz etwas schreiben und ab zu Shadowrun Online – am falschen Stand, upps. Danach geht’s zur Party von Dead Island 2. Irgendwann bin ich dann um halb eins in meiner Unterkunft – früh für manche, zu spät für mich. Ich bin müde und schlafe nicht ganz bis acht.

Rausch

Als ich am Donnerstag das Interview mit dem Lead Artist von Gods Will be Watching führe, schwebe ich darauf mit ein wenig Stolz durch die Hallen – auch, weil mir kurz darauf der Narrative Designer von The Swapper durch The Talos Principle hilft (The Swapper war toll). Später darf ich bei den netten Menschen von Paradox Interactive vorbeischauen, um Magicka 2 anzuspielen – nicht alleine, nicht mit einem PR-Menschen, sondern mit dem Producer zusammen. Und am Freitag spiele ich die “richtig dicken Brummer”: Batman und Assassin’s Creed: Rogue warten auf mich.

Elite ist mein Spiel der Messe, weil Raumschiffe

Elite ist mein Spiel der Messe, weil Raumschiffe

Kurz: Ich entdecke auf der gamescom einen Teil der kindlichen Begeisterung wieder, die den kleinen Siedler II-Christoph in das Hobby gesogen hatte. Ich sehe technische Wunderwerke, wie etwa die Sternenkarte in Elite: Dangerous, die den Spielern 400 Milliarden Sternensysteme schenken will; und ich spreche mit Künstlern, die einen Teil ihrer Vision aufgeben mussten, um ihr Spiel zugänglicher zu machen. Der Kopf hinter Act of Aggression erzählt mir mit leuchtenden Augen, dass wir in seinem Multiplayer bis zu vierzig Armeen gleichzeitig aufs Feld schicken können. “That’s insane”, antworte ich. “But I like it.”

Dann sind da die Entwickler, deren Spiele nicht so recht funktionierten – obwohl sie großartige Ideen verbauten. Noch nie fiel es mir so leicht, mich auf die positiven Seiten eines Spiels zu konzentrieren, auch wenn mir das Spiel insgesamt weniger gut gefällt. Legends of Eisenwald punktet etwa mit seinem Kampfsystem, und im Piratenabenteuer Raven’s Cry können wir die Kolonialmächte gegeneinander ausspielen, indem wir eine ihrer Flaggen hissen und die verfeindete Nation angreifen.

Peripherie

Über all diese Spiele werde ich in den nächsten Tagen ausführlicher schreiben – doch zunächst dröhnt mein Kopf von all den Bildern und Tönen, die ich aufnehme. Nach der Präsentation von Civilization: Beyond Earth kommt etwa ein portugiesischer Journalist auf mich zu und erzählt mir, dass er heute das gleiche T-Shirt wie ich anziehen wollte (Dark Tranquillity, Festival-Tour 2009). Auf dem Sofa vor Warner Bros. und bei Crytek lerne ich weitere Journalisten und Blogger kennen. Und immer wieder laufe ich Dejan, Sebastian, Sebastian und Daniel über den Weg und freue mich, kurz von ein paar Spielen erzählen zu können.

Welcome to Swag and Press Kit Mountain

Welcome to Swag and Press Kit Mountain

Zwischendurch schreibe ich immer wieder, und jeden Abend suche ich das Pressezentrum auf. Um mich herum sitzen Franzosen, Engländer und meine Lieblinge – Niederländer. Ich lerne ständig neue Blogs und Seiten kennen und habe das Gefühl, Teil von etwas ganz Großem zu sein – vielleicht sogar ein wenig wichtig. Das ist kein Wunder, denn immerhin geben sich die PR-Personen die größte Mühe, uns wie Götter zu behandeln. Überall gibt es kostenlose Getränke, Snacks und allerlei Papiere. Der zynische Teil meines Hirns nennt das “Propaganda”, aber halt die Fresse Hirn, mir geht’s gerade gut, weil alle nett zu mir sind (oder zumindest sehr gut so tun). Die Ausnahme sind ein paar Journalisten und Blogger, was ich witzig finde, weil wir doch alle im selben Team spielen.

Kater

Freitag Nachmittag ist mein letzter Termin. Ich darf bei Ubisoft Assassin’s Creed: Rogue antesten. Ich bin so erschöpft, dass ich mich kaum auf das Spiel konzentrieren kann, und so lacht mein Guide, als ich kurz vor Ende einer Kletterpartie doch noch abrutsche und ein Bad im Eismeer nehme. Ich lache auch, weil es ein ziemlich dämlicher Fehler ist – dann bedanke und verabschiede ich mich. Gleichzeitig verabschiede ich mich innerlich von der gamescom und warte im Pressezentrum auf den Rest von Krautgaming. Ich schreibe die Preview von Magicka 2 zu Ende, dann geht es zum Essen ins Vapiano, dann auf ein Kölsch ins Hotel, und die Welt ist gut.

In der folgenden Nacht schlafe ich wie ein Toter – und beschließe, mich nicht mehr unter die Besucher am Samstag zu mischen. Ich muss mich ausruhen und schreibe erst gegen späten Nachmittag an einer Preview zu Elite. Ein Teil von mir vermisst bereits jetzt den engen Zeitplan, der mich durch die letzten Tage führte. Ein anderer Teil ist froh, dass es vorbei ist; und wieder ein anderer fragt sich, warum er gestern im gamescom-Rausch ein Panini für 7,60€ gegessen hat.

murricagods

Die folgende Nacht schlafe ich nur schlecht. Mein Hirn fängt langsam an, die Bilder, Klänge und Menschen zu ordnen – und das ist sie wieder: Die Frage, was ich mit meinem Leben eigentlich mache. Doch dieses Mal zweifel ich nicht mehr daran, dass Spiele ein Teil meines Lebens sind. Doch was mache ich daraus? Ein paar Tage vorher erzählte ich Dejan noch, dass ich mir das Bloggen auch als reines Hobby vorstellen könnte – anders als vor ein paar Jahren, als ich davon träumte, Spielekritiker zu werden. Ich glaube, dass ich dabei bleibe. Der Spaß steht an erster Stelle, und den will ich mir vorerst nicht dadurch verderben lassen, dass ein Gehaltscheck von meinen Texten abhängig ist (Anmerkung: Damit will ich nicht implizieren, dass Journalisten gekauft sind. Ich meine damit den Druck, der auf mir sitzen würde, wenn ich für Geld schreiben müsste.)

Plötzlich begreife ich, dass Krautgaming eine besondere Chance ist: ich kann schreiben, was ich will. Diese Freiheit werde ich vermutlich nie wieder im Leben haben, wo auch immer ich lande.

Reflektion

Am Sonntag Morgen verabschiede ich mich von Steffen, der mich kurzfristig in seiner Wohnung aufgenommen hat, als mein Couchsurfing-Termin platzte. Ohne ihn wäre diese Reise nicht möglich gewesen – und auch unsere Redaktions-Galeonsfiguren Sebastian und Dejan haben mit ihrer Korrespondenz zur Industrie den Weg für diese “Reise ins Ich” geebnet. Auf meinem Weg zum Bahnhof scheint ab und zu die Sonne durch die Wolken, als habe sie noch nie von Klischees gehört.

Magicka 2 ist mein Spiel der Messe, weil Paradox mir Schokolade geschenkt hat

Magicka 2 ist mein Spiel der Messe, weil Paradox mir Schokolade geschenkt hat

Dann sitze ich im Zug von Köln nach Bremen – mit 40 Minuten Verspätung, übrigens – und schreibe diesen Text. Ich denke darüber nach, was diese Woche für mich getan hat. Klar, der Zyniker in meinem Kopf enttarnt die gamescom als die große, hohle Werbeveranstaltung, die sie irgendwo auch ist (ich komme mit einer Tasche und sechs T-Shirts mehr nach Hause, wegen all dem SWAG). Doch diese Sicht ist mir mittlerweile zu einseitig.

Im Laufe von ein paar Tagen habe ich mit Entwicklern gesprochen, mit Produzenten und Designern, mit PR-Leuten und Journalisten, Bloggern und Fans. Kurz: Ich habe mit Menschen gesprochen, und das hat meine Meinung von der Industrie gedreht – nicht komplett, aber in eine gesündere Richtung. Es hat mir Spaß gemacht, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, die unser Hobby bereichern und erst zu dem machen, was es ist. Und vor allem: Ich gehöre jetzt irgendwie dazu. Ich bin Fan von Videospielen und blogge über sie. Weil es mir Spaß macht und weil der eine oder andere es vielleicht gerne liest. Zeitverschwendung ist das ganz sicher nicht.

In der Straßenbahn in Bremen wage ich dann den Versuch. Ich ziehe noch einmal American Gods aus der Tasche und versuche, ein paar Seiten zu lesen. Dieses Mal schaffe ich vier – Fortschritt!

Über Christoph Volbers

Christoph hat viel zu viele Töpfe am Kochen: Er ist der Kopf hinter dem Science Fiction-Metal-Projekt Xenogramm und schreibt an seinem eigenen Roman. Gleichzeitig studiert er Englisch und Geschichte im schönen Bremen (nicht lachen!). Da er jedoch nicht immer vor dem Bildschirm hocken kann, geht er arbeiten – und zwar in einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen. Wenn er sich davon erholen will, dann kocht er, oder er geht laufen, oder er sieht sich Filme und Serien an.

Oh, und offenbar schreibt er auch für krautgaming. Wie konnte ich das nur übersehen?

Kommentare

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niklas Nowicki 23. August 2014 um 21:49 23.08.2014 - 21:49

Hey

Ich fand den bericht sehr sehr gut geschrieben! Habe ihn mir sehr gerne 2 mal durchgelesen und finde du solltest weiter machen mit dem was du tust. Ich finde selten Texte die mir einen so netten und tiefen Eindruck über den Autor vermitteln.
Daumen hoch für den bericht und dich ! Freue mich drauf mehr von dir zu lesen 😉

LG niki

Christoph Volbers 19. August 2014 um 19:49 19.08.2014 - 19:49

Aber wenn die doch auf der dunklen Seite Kekse haben…!

@Stefan: Ja, ich würde schon gerne wieder nächstes Jahr – aber auch nur noch mal mit Ausweis. 😉 Grüße zurück in die Nachbarstadt!

Stefan B. 19. August 2014 um 15:53 19.08.2014 - 15:53

Schöner Bericht, das erinnert mich sehr an meine Erfahrung. So stressig es teilweise sein kann, von einem Termin zum nächsten zu hetzen, so interessant ist es gleichzeitig, mal Eindrücke direkte bei den Entwicklern sammeln zu können. Denen es dann zumeist völlig egal ist, ob man ein super-wichtiger Redakteur eines großen Magazins ist oder das als Hobby betreibt und der Großteil möglicherweise von der Seite noch nie etwas gehört hat.

Wenn man das ein mal mitgemacht hat, möchte man nach Möglichkeit keine gamescom mehr auslassen – so war das zumindest bei mir. Und wenn ich deine Eindrücke so lese, denke ich mal, dass dir das da genauso geht.

Viele Grüße aus OL nach HB 🙂
Stefan

Timo 19. August 2014 um 13:50 19.08.2014 - 13:50

Und wir haben den nächsten Journalist an die dunkle Seite verloren NOOOOOooooooo…….

Christoph Volbers 19. August 2014 um 09:22 19.08.2014 - 09:22

Danke für’s Lesen und die netten Worte, kann ich da nur sagen 🙂

charline567 18. August 2014 um 18:20 18.08.2014 - 18:20

Danke für die bildhafte Schilderung, echt unterhaltsam zu lesen! Okay, ein kleines bisschen neidisch bin ich jetzt auch;)

Daniel 18. August 2014 um 12:26 18.08.2014 - 12:26

Grandiose Comic(-manga)sammlung, megadeth, american gods, echtzeitstrategie-nostalgie und viele games. da liest man gerne. 😉 klasse artikel